Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Mai 1943 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 16.V.43.
Mein geliebtes Herz!
Nun soll aber der Sonntag nicht vorüber gehen, ohne daß der Brief an Dich geschrieben wird, der mich in Gedanken schon immerfort beschäftigt. Vor allem habe ich wieder zu danken: für den warm empfundenen Artikel über "Selbsterziehung" im Reich, und dann für Dein liebes Schreiben vom 8. Mai an mich. Das hat mich ganz besonders innig erfreut, und ich lese es – besonders den Anfang, immer wieder. Denn ich entbehre so sehr die gewohnten persönlichen Zusammenkünfte und es tut meinem Herzen wohl, zu wissen, daß es Dir ähnlich geht. Wir haben eben Sehnsucht nach jener leuchtenden Zeit des Friedens, die uns durch so viele Jahre geschenkt war und die in uns unter dem Symbol "Heidelberg" lebt. Wenn jetzt morgens die Sonne über der schönen Welt
[2]
| aufgeht und die Rheinebene so strahlend vor mir liegt, dann wird mir das Herz weit und ich möchte hinaus wandern wie so oft mit Dir –  – und es werden Momente der Erinnerung wach – DilsbergSchappachtalMosenmättleReichenau – die unvergänglich sind. Das kann uns keine Gegenwart und keine Zukunft nehmen, und ob wir es noch einmal erleben, das liegt wohl nur an unsrer Bereitschaft! Denn es gab ja doch noch ein Schönwässerchen! Darum laß uns die Seele frei halten für das, was das Leben noch zu schenken hat, an Liebe, an Unvergänglichem. –
Meine Schwester lädt mich ein, wieder zu ihnen zu kommen, aber für uns erwarte ich davon nichts. Ich hatte im vorigen Jahr den Eindruck, als wenn es für Euch mehr störend als erfreulich war. So werde ich mich lieber mit der Hoffnung auf die geplante gemeinsame Reise vertrösten. Warum Emmy wohl nicht antwortet? Hattest Du keine
[3]
| direkte Frage gestellt? Wenn Du andre Pläne machen müßtest, wäre es doch an der Zeit!
Ruges sind wieder auf dem Grünewalder Hof bei Patsch, entzückt von Wetter und Lage, mäßig von der Verpflegung. –
Gestern hatten wir 30°R im Schatten, und es kam dann in der Ferne zu einem Gewitter. Dr. Henning kam von Mannheim und trank bei mir Kaffee, wir gingen dann auf den Friedhof. Er erzählte von einer schönen Halbtagswanderung, die er mit seinem Freund von Neustadt aus zu Ostern gemacht hat. Sie fuhren bis Döggingen und gingen dann durch die Gauchachschlucht bis zu Wutach – etwa dahin, wo wir von Boll aus endigten, – ein tief eingeschnittenes Tal, noch wilder als das Stück, das wir kennen. Wir kehrten ja auch damals wohlweislich um! – In der Nacht hatten wir nun wieder einmal Alarm, während es sonst nur um die Mittagsstunde gewarnt hatte. Ich ziehe mich immer an, blieb aber halb schlafend im
[4]
| Lehnstuhl auf der Wacht. Es ereignete sich nichts, und als ich gerade verzichtend ins Bett wollte, erhob sich ein tolles Schießen und Scheinwerferüben, worauf es bald entwarnte. Viele Leute haben es ganz verschlafen. Aber ich scheue den Leichtsinn, denn es wäre peinlich, überrumpelt zu werden. Ich möchte wenigstens dann angezogen sein!
Wie soll das denn gehen mit Eurem Selbstschutztrupp? Bleibe doch nur ja, solange etwa ein Angriff währt, im Haus. Ich habe die Phosphorregen über Mannheim gesehen, das darf man nicht im Freien erleben!
In wiefern ist denn Berlin besser geschützt? Es hieß doch von Anfang an, es käme dort kein Flieger rein!! Da gibt es wohl keine Garantie. Was Du über die "bessere Behandlung" schreibst ist mir erstaunlich und nicht ganz verständlich.
Was wirst Du dem Auslands-Presse-Klub denn von Goethe sagen? – Und was hast Du
[5]
| für Themen in Vorlesung und Seminar? Schreibe mirs doch, bitte, und auch die Zeit. –
Was hat denn GüntherPrag gewußt? Hast Du auch mal was von Drechsler gesehen? Der ist sicher anders eingestellt. Übrigens hat er bereits einen Sohn, wie es Staatsbürgerpflicht ist. Leider ist seine gute Mutter sehr krank. Sie ist beinah 80 Jahr, und war noch ungemein tätig im Hause. Nun liegt sie mit einer Lungen- und Rippenfell-Entzündung fest zu Bett. Sie ist eine sehr geduldige Patientin, aber ihr Ausdruck ist bekümmert und ihre Kräfte sehr mitgenommen. Ich besuche sie oft; und einmal war ich auch nachts dort, weil die Tochter, die fast taub ist, sich fürchtete, da die Nachtschwester nicht kommen konnte. Es war aber garkeine Pflege nötig, die Nacht war ruhig. Möge die verehrte, alte Frau wieder gesund werden.
[6]
| Frau von Schoepffer gilt jetzt wieder für hergestellt, ist aber noch immer recht schwach.
Mit dem Vorstand ist es immer gleich. Sie ist mehr oder weniger "im Bilde", und ihr Gespräch dreht sich wesentlich ums Essen. Aber sie liest auch noch ein wenig, vor allem die Zeitung mit Begeisterung. Aber es scheint mir doch, als wenn die Kräfte merklich abnehmen.
Wenn ich auf "Vorzeichen" achten wollte, müßte ich recht bedenklich sein. Meine Armbanduhr ist von selbst stehen geblieben, Feder kaput; und die sehr liebevoll gepflegte Asclepsias ließ auf einmal die überreich angesetzten Blütenknospen fallen. Ich glaube, die erneute Kälte schädigte den verfrühten Trieb. Aber es soll mich nicht anfechten!
Doch nun genug für heute. In stetem Gedenken viele innige Grüße!
Deine
Käthe.