Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Mai 1943 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 31. Mai 1943.
Mein geliebtes Herz!
Ich bin nicht böswillig, und auch nicht bösartig, aber es war garkeine ruhige Stunde zum Schreiben zu finden. Oder aber ich war gerade sehr müde und unfähig. Und nun habe ich wieder unendlich viel zu danken und mitzuteilen. Wenn man es doch besprechen könnte!
Inzwischen kam ja wenigstens mein Zettel an Susanne und vielleicht auch das Postgut mit den 3 Flaschen Wein? Es ging am Sonnabend den 29., so etwa um 3 Uhr ab. Ob meine Verpackung richtig war, weiß ich nicht. Man bekommt ja nicht das Notwendige dazu.
Bei mir aber kamen lauter liebe Sendungen von Dir wohlbehalten und mit Freude empfangen an. Eine Karte vom 17., ein Brief vom 24. – eine Drucksache vom 16., eine vom 25. und dann noch der "Nachtrag" von dem Aufsatz in der Kölnischen.
Als Du mir von der eifrigen Arbeit an dem Manuskript schriebst, dachte ich, das sei vermutlich für Japan!? Ist nun der Artikel über die japanischen Philosophen ein Nachklang davon? Er ist so warm und voll
[2]
| menschlicher Hochschätzung, so voller Anerkennung und Verständnis für fremde Bedeutung. Wie wohltuend ist so etwas heutzutage!
Und ebenso hat mir die knappe, feste Sprache der Vorrede im Reclam-Heftchen wohlgetan. Dagegen ist die Art, wie diese Hefte jetzt mit einer Klammer zusammengeheftet werden, eine ganz häßliche und ordinäre Art. Ich habe sie mir gleich herausgelöst und die Blätter mit einem Seidenfaden zusammengehalten.
Als ich am Donnerstag vor acht Tagen, also am 20. mit Hedwig Mathy den letzten einwandfrei schönen Tag zu einer Tageswanderung benutzte, hatte ich das kleine Heft mitgenommen und wir lasen den Vortrag über "Volkstum und Erziehung." Das war auf einer sonnigen, stillen Waldwiese; in weltferner Abgeschlossenheit empfanden wir tief die zeitlose oder besser: überzeitliche Bedeutung Deiner Worte. Wie wundervoll ist es, daß solch ein Mahnruf hier, fern von jeder Polemik, laut werden konnte. Und er wird gehört. In einem der hiesigen Buchläden waren die Hefte schon
[3]
| ausverkauft. Ich gehe nämlich überall herum und verlange eins, habe schon 4 gekauft.
Dagegen ist also das Heft Dez./Jan das letzte der "Erziehung." – Dafür ist Dir also jetzt "Das Reich" zugänglich!! Wie oft kommt mir dieser Aufsatz über Selbsterziehung (vom 11. April) in den Sinn mit der Forderung des "höheren Selbst". Ich finde oft, daß man ganz reichlich zu tun hat, mit der Überwindung der Fehler, ja, daß diese abnorme Zeit geradezu die Fehler begünstigt. Vor allem bin ich viel weniger opferbereit, oder sagen wir: weniger bereit abzugeben, als sonst. "Selber essen macht fett", ist jetzt meine Maxime. Das ist doch recht häßlich. Aber das Gefühl, daß es eigentlich nicht mehr zum Leben ausreicht, bringt einen dazu recht egoistisch zu werden. Auf diese Weise ersetze ich durch materiellen Genuß, was an Optimismus und Zuversicht im geistigen Bereich fehlt. Denn in dieser Beziehung stimmen wir – ich meine im Hinblick auf die Zukunft – einmal wieder völlig überein.
Aber in Bezug auf einen Besuch in Berlin ist mein Urteil durchaus zutreffend, und ich
[4]
| dächte, daß ich Dich nicht nur als Ferienmenschen kenne, sondern in recht schwierigen Situationen schon bei Dir war. Aber Auseinandersetzungen darüber wären allzu umständlich. Ich habe durchaus den größten Respekt vor den Ansprüchen Deiner Pflicht, und bin mit allem zufrieden, aber Du hast nicht das Gefühl davon und das macht unsern Verkehr unfrei. – Vorläufig hat die Sache nun überhaupt keine Not. Denn ich habe meiner Schwester geschrieben, daß ich hier keinesfalls fortkann, ehe sich die Schwierigkeiten mit dem Obsteinkochen nicht gelöst haben.
Und was sollen wir in Betreff der Reichenau wohl verabreden? Würdet Ihr die Fahrt ohne Unterbrechung machen? Alles ist ja unter den heutigen Verhältnissen eine umständliche Sache, und eine Abreise von Berlin steht mir noch in lebhafter Erinnerung! Und wie ging Dein Zusammentreffen mit Litt?
Deine Besorgnis für Frau Drechsler scheint mir momentan nicht begründet. Sie hat sich so sichtlich erholt, hat so klare Augen und Züge, und solch energischen Lebenswillen,
[5]
| daß man sich freuen kann.
Es ist doch komisch, daß wir friedlichen Menschen mit unsern Hausgenossen in kein gutes Verhältnis geraten. Mit meinen Wirtsleuten ist es ja jetzt gewissermaßen windstill, aber es kann jederzeit wieder zu einer Chikane kommen. – Hat denn Frau Henning das Scharlach schon in die Klinik mitgebracht, oder dort bekommen?
Mit meiner Waschfrau bin ich recht gut im Einvernehmen und hoffe von ihr auch Beerenobst zu bekommen. Auch mit dem früheren Mädchen von Adele habe ich wieder angeknüpft und habe egoistische Hintergedanken dabei. Das sind so moralische Nebenwirkungen des Krieges, deren man sich eigentlich schämt, und im ganzen verstehe ich mich auch nicht gut darauf.
Heute kamen Kohlers, Mutter und Tochter Ursel mit einem Besuch zum Kaffee unerwartet zu mir. Zum Glück hatte ich noch von dem Weißbrot, das ich alle Woche bekomme,
[6]
| und ein letztes Glas Gelee. – Für nächsten Sonntag habe ich mich bei ihnen angesagt, fahre schon Sonnabend früh, und Montag zurück. – Eigentlich hatte ich den Sonntag (6. Juni) gern im Schwetzinger Schloßtheater den zerbrochenen Krug sehen wollen. Es gab aber keine Billets. Sie waren innerhalb einer halben Stunde ausverkauft.
Morgen reisen Schoepffers nach Herrenalb. Bei diesem sonnig kühlen Wetter sicher ein guter Aufenthalt. – Vorhin ging die Sonne als glühender Ballon unter, also wird es nun vielleicht auch heiß werden. –
Jetzt muß ich noch fragen, ob – falls der Wein heil ankam – weiterer Rotwein genehm ist? Ich besorge gern, so oft ich bekommen kann, wenn Du ihn brauchen kannst. Man kann aber nicht wählen, man muß auch da nehmen, was es gibt. Friß Vogel oder stirb, heißt es jetzt auf dem Markt.
Und nun zum Schluß noch einmal Dank für alles, und viele, viele Grüße.
Deine Käthe.