Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Juni 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. Pfingstsonntag 1943.
Mein geliebtes Herz!
"Wenigstens zum Pfingstfest hätte sie pünktlich schreiben können" – wirst Du denken, und ich selbst finde das wirklich auch. Aber es ist doch schneller herangekommen, als ich dachte, und nun feiere ich eben in Gedanken den Tag mit Dir. Es ist warmer Sonnenschein und vielleicht benutzt Ihr ihn zu einem Spaziergang, oder Ihr könnt auch mal Euren hübschen Gartenplatz benutzen mit dem Ausblick auf die nahrhafte Pflanzung. – Ich freue mich, einmal still zu Haus zu sein, was mir leider selten passiert bei den heutigen Umständen. – Eine große Freude war mir Dein lieber Brief vom 5. Juni, den ich hier nach meiner Rückkehr von Dielbach bekam. Die Tage dort oben waren reizvoll wie immer, aber beschattet von der immer
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| lauernden Sorge um Trautel. Sie fällt sehr häufig in einen lethargischen Zustand und reagiert auf Ansprache ungeheuer langsam, wenn überhaupt. Auf einem Spaziergang stürzte sie zweimal ohne eigentliche Veranlassung; es war deutlich zu merken, daß ihr Gleichgewichtsempfinden versagte. Auch im Sitzen sackt sie immer in sich zusammen, meist nach einer Seite. Man weiß oft nicht, ist es Mangel an gutem Willen oder Unfähigkeit, wenn alles Ermahnen nicht hilft. Ich hatte wieder den Eindruck einer ausgesprochnen Erkrankung; aber es ist wohl mehr ein Zustand von wechselnder Stärke der Erscheinungen. Es sind auch leichte Lähmungen der Gefühlsnerven damit verbunden, eine Taubheit z. B. der Mundhöhle gerade neulich. Sie gehörte wohl in eine Behandlung nach ärztlicher Vorschrift und nicht in diesen
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| unruhigen Haushalt, wo sich die Anordnungen der Eltern noch durchkreuzen. Vielleicht wäre ja auch eigentlich nichts zu machen, und es ist gerade das Richtige, daß sie als angeblich Gesunde unter den andern möglichst unbefangen dahin lebt.
Mehrere hübsche Spaziergänge konnten wir machen, d. h. weder Otto noch Gertrud waren dabei, sondern eine Heilpädagogin, Freundin der Frau und die Kinder. Otto war dienstlich beschäftigt, Gertrud im Haushalt und beide noch außerdem bei der Gartenarbeit. An 200 Bohnenstecken hat er gesetzt und sie mit dem Mädchen setzte Pflanzen, die sie von den Bauern beziehen. Es ist nahrhaft da auf dem Lande, aber viel Arbeit. – Otto habe ich Dein Reclam-Büchlein geschenkt, und es wird ihm besonders viel Freude
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| machen, denn sein gesamter Unterricht ist auf diesen Grundsätzen aufgebaut. Es tut mir immer so leid, daß er nie Gelegenheit hatte zu Unterredung mit Dir. Er könnte viel Anregung davon haben, denn er ist ein nachdenklicher Mensch und Ihr würdet Euch auch sonst gut verstehen. Irgend welche verstiegenen Hoffnungen fand ich dort auch nicht! Wie sollte man! Er ist sogar darauf gefaßt, auch nochmals einberufen zu werden, und ist entschlossen, keine irgendwelchen Schritte in dieser Beziehung zu tun, sondern sich vom Schicksal führen zu lassen.
Das ist ja überhaupt das Einzige, was einem vernünftiger Weise bleibt. Und in der Stille bewahrt man seine Welt, die keine Zeitumstände rauben können. Wohl dem, der noch weiter daran bauen kann. Ich muß mich nun schon länger
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| auf das Bewahren beschränken. Mehr noch als Du frage ich mich mit Recht: wozu sucht man dieses Leben äußerlich möglichst zu erhalten? Aber es kommen doch auch zuweilen Momente unbeschwerten Aufatmens. So wirkt auf mich die Landschaft da oben am Katzenbuckel. Es war wieder herrlich: diese leicht gewellte Hochebene mit den fruchtbaren Feldern und den üppig blühenden Wiesen, unterbrochen von dunklen Waldstrecken; der weite Horizont und doch ständig wechselnde bewegte Linien. –  – Und dann wacht auch die Sehnsucht auf, das alles noch einmal wieder gemeinsam erleben zu können – vielleicht auf der Halbinsel Bodman?? –
Nach Berlin möchte ich vorläufig nicht. Ich würde aber gerne wissen, für welche Zeit Du etwa die gemeinsame Reise planst? Ich fürchte mich nicht vor der Luftgefahr bei
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| Euch, aber ich könnte mir z. B. denken, daß Ihr im Falle Ida wirklich fort müßte, meine Hülfe wirklich brauchen könntet. Denn auf die Dauer wäre ja wohl ihr Fortgehen nicht, sondern nur eine Kriegsmaßnahme und in der Zwischenzeit könnte ich aushelfen. Ich bin jetzt recht gut eingeübt mit Haushalten. –
Es ist oft schwer, briefliche Andeutungen richtig zu verstehen. Aber ich glaube doch, daß ich das von der "Annäherung der andern Seite" richtig deute. Es ist da wohl eine geheime Sorge fühlbar geworden. Denn sehr selten begegnet man noch einer unerschütterten Zuversicht. Da muß man schon so weltfern sein wie der Vorstand. Ich lege Dir ihre letzte Karte bei, die sie während meiner Anwesenheit in Dielbach schrieb. Sie ist für ihren gegenwärtigen Zustand kennzeichnend, es ist ein deutlicher Rückgang.
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| Und das ist ja auch kein Wunder mit 87 Jahren unter den heutigen Bedingungen. Nicht nur fehlen alle Mittel, einem alten Menschen zuträgliche Stärkungen zukommen zu lassen, in solchem Heim werden die Leute geradezu ausgehungert. Es ist nicht nur Aenne, die sich beklagt, auch die andern werden nicht mehr satt. Ich habe immer ein etwas schlechtes Gewissen,wenn ich von meinem Deputat nicht oft was an sie abgebe.
Dagegen ist es weiter keine große Mühe, wenn ich versuche, hin und wieder eine Flasche Wein zu ergattern. Das täte ich gerne auch mit Mühe! So war ich auf die Verpackung diesmal wirklich stolz, denn das war nicht so einfach. Hoffentlich bewährt sich das Verfahren noch öfters. Allerdings zu Deinem Geburtstag, wie ich hoffte, wird es wohl noch nichts wieder geben. Es heißt auch da: warten.
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Inzwischen wird nun wohl das lange angekündigte Päckchen mit der "frei gewordenen Sommerwohnung" eingetroffen sein. Es ist auf Buttmis Boden am schrägen Dachbalken mit dem Flugloch nach unten gesessen, und offenbar der begonnene Bau einer überwinterten Wespenkönigin mit den ersten kleinen Zellen und aus irgend einem Grunde nicht fertig geworden. Dagegen sieht man an den andern Waben, wie groß sie später werden. Außerdem ist ein Päckchen Traubenzucker und ein Bromural dabei, sowie die von Susanne gewünschten Radieschen. Es waren so heterogene Dinge, daß ich lange am Verpacken scheiterte und dabei auf Susannes Verständnis rechne, wegen der langen Dauer.
Und nun will ich den Brief noch in die Stadt bringen und beim Vorstand mit herangehen. – Dir aber sende ich innige Pfingstgrüße über die sonnige Welt hin und wünsche Dir gute, ungestörte Tage.
<li. Rand>
Immer
Deine Käthe.