Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Juni 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Juni 1943.
Mein geliebtes Herz!
Du wirst mir hoffentlich nicht zürnen über mein seltenes und ungenügendes Schreiben, sondern Dir denken, daß es nicht böser Wille sondern Unvermögen ist. Bis zu einem gewissen Grade könnte man es freilich vielleicht Faulheit nennen, denn absolut unmöglich wäre es ja zuweilen nicht. Aber abends, wenn eine ruhige Stunde kommt, dann brennen die Augen vor Müdigkeit und der Kopf ist leer, dann käme doch nichts zustande. – Aber es beunruhigt mich schon seit dem Weggang meines letzten Briefes, daß ich etwas Wichtiges zu schreiben vergaß, nämlich den Dank für die überwiesenen 220 M, die mir auch die Bezirkssparkasse diesmal
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| anzeigte. Aber Du hättest es jetzt nicht schicken sollen, wo Du auch andere größere Ausgaben hattest. Ich schrieb Dir doch, wie viel auf dem Konto noch steht und wer weiß, ob es da sicher ist? – Obgleich die 10 M-Scheine nur so flattern, habe ich seit dem 10. März kein Geld dort abgehoben. Es kam inzwischen die unerwartete Rente der Stadt Berlin. –
Dieser Tage hörte ich bei Drechslers, daß das junge Ehepaar das Günthersche Haus in Zehlendorf während der Abwesenheit der Familie hüten wird. Könntet Ihr nicht auch solch Abkommen treffen? Es ist immer angenehm, im Sommer mit einem Kinde eine Wohnung mit Garten zu haben. Ich denke noch mit Freude daran, wie wir nach Vaters Tode mehrere Sommer in dem Broseschen Familienhaus
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| in Schönhausen zubrachten. Vielleicht paßte es sogar mit Drechslers, wenn die Reisezeit nicht gleichzeitig ist!
Leider werde ich zum 27. diesmal aber auch rein garnichts schicken können. Der erhoffte Wein ist nicht vor dem 29. hier zu erstehen und etwas Idealeres will mir durchaus nicht einfallen. An Büchern weiß ich noch weniger als sonst etwas zu kaufen; irgend etwas Schönes aus meinem Besitz, das Dich erfreuen könnte, weiß ich nicht – und so bin ich recht betrübt. Ich habe das Gefühl immer mehr herunter zu kommen im täglichen Kampf um die nüchterne Existenz. –
Da wäre die Garderobe für den Sommer herzurichten. Aber außer einem ärmellosen Jäckchen zu einem vorhandenen Rock, das ich selbst schneiderte, bleibt alles
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| beim Alten. Aber große Wäsche muß noch stattfinden von Mantel und Wollkleidern. Ich habe noch nie so viel immer wieder zurückgeschoben, sodaß es ein unheimlicher Berg geworden ist. – Jetzt unmittelbar steht nun noch das Einmachen aus. Erdbeeren bekam ich, aber auch andres Obst hoffe ich noch zu erhalten; auch Gemüse muß in die wenigen Weckgläser, die ich besitze. So geht es weiter – immer fürs Essen!!
Außerdem habe ich auch mal wieder einen Auftrag in der Augenklinik gehabt. Da merke ich die Abnahme der Kräfte besonders. Es hat mich sehr angestrengt und ich habe mich sehr quälen müssen. Es war nach einer Patientin, die schon vor 1½ Jahren gemalt wurde. Jetzt ist der Armen auch das andere Auge von der tückischen Krankheit befallen.
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Für die Übersendung des Vortrags über Rudolf Virchow danke ich vielmals. Ich schicke ihn demnächst zurück, möchte ihn aber noch ein wenig behalten. Vor allem ist es mir eine Freude an dieser Rechtfertigung zu sehen, daß ein echter Wert nicht abgeleugnet und auf die Dauer unterdrückt werden kann. Und in diesem Falle wüßte ich doch noch aus persönlichen Eindrücken, welch hohen Respekt alle vor der Leistung dieses Mannes bei aller berechtigten Kritik hatten. –
Der Vorstand klagt jetzt viel über Angegriffenheit. Heut war wohl besonders die Gewitterneigung daran schuld, die sie ja von je unangenehm empfindet. Ist denn bei Euch auch solch heftiger Kontrast in der Witterung? Eben noch morgens 9° R,
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| und nun gestern 22° im Schatten. Heute ein wolkenloser Vormittag und nach Tisch Sturm und dicke Wolken, auch etwas Regen. Die Landwirte werden schon besorgt. Und alles hatte doch so üppig angefangen. Für die Nacht steht wieder eine dicke Wand im Westen bereit. Das bewahrt uns wohl vor einem Besuch heute. Gestern hatten wir von ½ 2–4 Alarm, auch heut am Tage 2x. Aber es scheinen nur Erkundungsflüge gewesen zu sein. Immerhin kommt es uns nun wohl mal wieder näher, nachdem wir monatelang herrliche Ruhe hatten.
Und nun für heute Schluß.
Alles, alles Liebe von
Deiner
Käthe.