Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1943 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 25. Juni 1943.
Mein geliebtes Herz!
Zum Geburtstag sollen diese Zeilen bei Dir sein und Dir sagen, daß ich an diesem Tage womöglich noch mehr als sonst mit meinen liebevollen Gedanken bei Dir bin. Meine Wünsche für Dich sind zahlreich, aber die Hauptsache bleibt immer wieder, daß die Befürchtungen wegen der Luftangriffe sich als unnötig erweisen möchten. Denn einmal muß es doch ein Ende haben mit dieser sinnlosen Zerstörung. Gestern habe ich als einzige dürftige Gabe ein Päckchen zur Post gegeben mit den früher beliebten kleinen Kuchen. Obgleich nach dem Rezept alles nach alter Vorschrift drin ist, machen sie doch nicht den früheren
[3]
| Eindruck, denn was sich Butter nennt, ist ja doch keine! Nur in uns ist alles wie sonst, und diese Gewißheit trägt das Leben, wird, wie ich glaube, auch Dir immer ein "Licht in der Finsternis" sein. Denn obgleich ja nun die Sonne recht ergiebig scheint, sehen wir doch sonst kein Licht vor uns auf dem Wege. –
Voralarm hatten wir mehrmals, auch einen kurzen Alarm heut nacht. Ich glaube, es ist bei Euch damit viel unruhiger. Aber was Du schreibst über mein eventuelles Kommen nach Berlin, das stimmt mit meinen Gefühlen nicht überein. Was hülfe es mir, wenn in Berlin höchste Gefahr ist, allein hier zu sitzen? Es wäre mir ja bei weitem beruhigender, in der Nähe zu sein. Kannst Du das nicht verstehen? – Aber vorläufig ist noch keine Möglichkeit zu
[3]
| reisen, denn die "Sorge für den kommenden Tag" macht genügend Arbeit. Eigentlich hat man ja überhaupt kaum noch Zeit für etwas Anderes. Soll ich Dir davon erzählen? Ein Höhepunkt war, daß ich am Mittwoch zu meiner Waschfrau nach Ziegelhausen fuhr, um in unverdächtiger Verpackung (sehr unbequem) 15 <altes Pfundzeichen> Beerenobst zu holen. Ziegelhausen hat nämlich strenges Ausfuhrverbot. Und gestern mußte dann alles eingekocht werden. – Die Zeichnung für die Augenklinik ist darüber noch garnicht fertig geworden. Aber da ich es ohne Modell machen kann, schadet das nicht.
Der Vorstand hat völlig das Zeitgefühl verloren. Wenn ich gestern bei ihr war, empfängt sie mich heute: "Ich freue mich, daß ich Dich mal sehe!" – Und in dem Stil ist eigentlich jetzt meine Existenz. Alle reden sonst von Einkäufen und Ernährung.
[4]
| An die Tage in Dielbach denke ich noch mit Wonne, und hübsch war auch der Dienstag abend bei Frau Franzx [li. Rand] x Ich hatte ihr den Charles douze geliehen und das hat wie es scheint, etwas aufklärend gewirkt; denn das war in diesem Fall nötig. und Tochter, sowie Hedwig Mathy, auf dem wunderschönen Balkon. – Schoepffers sind noch verreist, kommen nächsten Mittwoch zurück, und Heinrichs mit denen es augenblicklich etwas problematisch ist, sind heute nach Freudenstadt gefahren.
Eigentliche Sommerwärme haben wir ja nicht. Im Schatten 19° R, aber es ist sehr angenehm, nicht so schwitzen zu müssen. Solche Temperatur wäre recht für die Reichenau. "Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden!"
Mögest Du den Sonntag unter freundlichen Eindrücken verleben und das beginnende neue Jahr Dir mehr Gutes bringen, als Du ihm zutraust. Dank auch für Deinen lieben Brief vom 20. und viele innige Grüße von
Deiner
Käthe.