Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juli 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Juli 1943.
Mein geliebtes Herz!
Immer bin ich die Beschenkte – sogar zu Deinem Geburtstag, an dem ich nicht einmal etwas Schönes für Dich hatte! Du wirst Dir denken können, wie schmerzlich mir meine Armseligkeit war, aber über Deine liebe Sendung und dann den Brief vom 29. habe ich mich innig gefreut. Wo der meinige vom 25. blieb, ist mir ganz unbegreiflich, Du wirst am Poststempel gesehen haben, daß er am Freitag etwa um 4 Uhr auf Postamt I (nicht in Rohrbach) eingesteckt war. Mußte zu der übrigen Dürftigkeit auch das noch passieren!
Den Sonntag habe ich überraschender Weise bei Frau Pfarrer Heraucourt und ihrer Tochter verlebt. Letztere ist in der Braun-schen Buchhandlung angestellt. Es gab guten Kuchen, aber außer wirtschaftlichen Fragen ist nicht viel
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| gemeinsames Interesse da, abgesehen von dem allgemeinen Einverständnis. Aber darin ist es ja doch wirklich so, wie man es in Potsdam hält: ein Reden darüber fördert nicht. Denn es kann ja eigentlich niemand nur einen Schritt weiter sehen. Und die Vorstellungen darüber sind – wenn man logisch weiter denkt – hoffnungslos. Traurige, verzweifelte Einzelheiten häufen sich Tag für Tag und es bemächtigt sich der Seele ein gewisser Trotz, mit dem man sie hinnimmt, wie eine grausame Bestätigung dessen, was man nicht anders erwartet hat.
Da war mir Dein "Geleitwort" Trost und Mahnung zugleich. Denn wohl ist es so, wie Du sagst, daß wir eine Weltenlast zu tragen haben, aber gerade Dein "Geleitwort" nimmt dieser Last das Hoffnungslose und macht daraus eine Aufgabe. Möge Deutschland noch so arm und elend werden, es kann nicht verloren gehen, wenn es sich wieder auf sich selbst besinnt wie vor 150 Jahren.
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| Möge die verschüttete, überwucherte "Volkheit" sich wieder finden, wenn auch viele der Besten nicht mehr da sind. Gerade Deine neuesten Veröffentlichungen geben mir Hoffnung, daß die Stimme des Rufers in der Wüste wieder gehört wird. Denn wo sollen wir uns sammeln, wenn nicht um unser geistiges Erbe; da ist der Punkt, der über den klaffenden Zwiespalt außen hinweg helfen kann. Wie glücklich bin ich, daß Du berufen bist, hier neues Leben zu wecken.
Endlich ist nun Sommer geworden. Auch bei Euch? An meinem Westfenster sind 26°R, im Zimmer reichlich 20°. Das tut wohl, denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die nun gleich wieder über die Hitze stöhnen. Ich kann sie auch besser vertragen als früher, denn die Eigenwärme ist geringer. Mein Privatleben ist immer dasselbe: alles dreht sich im engsten Kreise bei beständiger Tätigkeit. – Die Abende
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| gehören der Lektüre, d. h. nach 10 Uhr im Bett, bis das Buch aus der Hand kippt. (Nur Deine Drucksache zum 27. war feierliche Stunde am Vormittag!) – Ich las nach vielen Jahren mal wieder den Hungerpastor, weil zunächst der Name mir zeitgemäß schien. Aber auch sonst habe ich vielmehr davon gehabt als früher. Eigentlich ist mir nämlich die sprunghafte, witzelnde Art von Raabe nicht angenehm, aber man gewöhnt sich daran und der Gehalt fesselt doch ungemein. Es sind wirkliche Menschen mit ihrem Suchen und ihren Nöten. Eigentümlich ist, wie Raabe und auch Reuter die ältere Generation der Juden gelten lassen, aber ein entschiedenes charakterliches Absinken der Söhne konstatieren. – Auch den Schüdderump las ich anschließend mit Anteilnahme. Da ist auch viel privates Leid und es wird zu einer allgemeinen Anschauung verdichtet. Und doch liegt ein Glanz höheren Lebens über dem Ganzen, der nicht nur von der äußeren
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| Kultur der beiden Adelsvertreter kommt, sondern allenthalben den wahren Seelenadel durchschimmern läßt.
Lieber, Du antwortest gar nicht auf meinen Wunsch, auch trotz der angeblichen Luftgefahr womöglich nach Berlin zu kommen. Ich bin durch Deine Besorgnisse recht unruhig geworden und finde es entsetzlich lange bis zum 20. August. Andrerseits möchte ich nichts tun, was Dir unlieb wäre. –
Vorläufig bin ich ja noch beschäftigt mit dem "Hamstern" für den Winter. Es muß noch etwas Gemüse in Gläsern sterilisiert werden. Auch auf Kirschen hoffe ich noch; am Dienstag wollen wir, Schoepffers und ich, nach Gaiberg und unser Heil versuchen. So gehen unsre Tage hin "wie ein Geschwätz". – Von Hedwig Mathy hatte ich auch ein Buch von H. E. Burte geliehen: Peter Brunnkant. Ich bin etwas alt für so viel Leidenschaft, habe wohl überhaupt dies ungebändigte Schweifen nicht gern. Aber es
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| ist auch viel Schönes darin und vor allem ist es auch der See und der Schwarzwald, die einen da wohltuend umgeben. So wie jetzt mit Wotan, hatte er es damals mit der Gotik. Er muß wohl immer in einer bestimmten Modeform mitdenken.
Über das was Du nun von Dora Thümmel schreibst, denke ich nach. Aber Du solltest nicht daran leiden, denn ich bin gewiß, sie hat Dich aus ihrem Leben nicht missen wollen, und über ihr Schicksal wurde sie Herr. Kann man mehr im Leben erreichen?
Sei mir innig gegrüßt, mein liebes Herz und sei immer so nachsichtig mit meinem Unvermögen. – Auch der Wein kommt noch nicht!! Er ist erst abgefüllt und muß erst 3 Wochen liegen. –
Grüße Susanne herzlich. Es wünscht Euch so ruhige Nächte, wie wir sie haben,
Deine
Käthe.