Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Juli 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Juli 1943.
Mein geliebtes Herz!
Nun ist schon wieder Sonntag geworden und eine Woche ist vorbei. Wie schnell geht die Zeit und wie wenig bringe ich fertig! Heute ging ein Brief an Hermann ab, aber das Schreiben wird mir immer schwerer. Du dauerst mich mit Deiner uferlosen Korrespondenz. Und doch ist es schön, daß Du so nach allen Seiten wirkst, denn ein Brief von Dir ist immer ein Gewinn für den Empfänger. – Hoffentlich ist die Anwandlung von Schwäche wieder ganz vorbei. Vermutlich hattest Du den plötzlichen Temperatursturz im Voraus empfunden. Oder ist es bei Euch nicht so erbärmlich kalt?
Ob wohl die Stachelbeeren bei Euch angekommen sind, die ich Mittwochs d. 7. nachmittags abschickte? Sie waren so tadellos, daß ich hoffe, sie haben die Reise gut überstanden.– Wenn
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| nur auch wir schon auf der Reise wären! Es ist eine so dumpfe Atmosphäre, daß man sich nach Befreiung sehnt.
Vor acht Tagen war Dein Vortrag beim Pestalozzi-Fröbel! Hattest Du Freude dran? Ich hörte abends auch einen Redner, der mir vorher recht gelobt wurde, der mich aber schwer enttäuschte. Es war ein richtiger Volksredner der stellenweise mit des Basses Grundgewalt zu wirken suchte, daß es einem kalt den Rücken runter lief, der aber wenig Wert auf klare Gedanken und sachliche Gründe legte. Dennoch waren viele von dem andächtigen überwiegend weiblichen Publikum sehr ergriffen! Er hieß Lilie und war irgendwie bei der evangelischen Missionsarbeit tätig. An solchen Dingen merke ich dann doch recht meinen inneren Abstand von der kirchlichen Gläubigkeit.
Heute hörte ich bei Rösel Hecht die Übertragung
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| von Beethovens 5. Symphonie mit Furtwänglers Direktion, und die Mondscheinsonate, gespielt von Elly Ney. Ich wollte, Ihr wärt in dem Konzert gewesen. Es war herrlich! – Im Fortgehen erfuhr ich nun endlich, was eigentlich Schuld ist an der dauernden Verstimmung von Rösel. Ich hatte sie gelegentlich immer mal wieder aufgesucht, obgleich ich nicht den Kontakt fand, den ich suchte. Aber da alle Leute über ihr Benehmen klagen, maß ich mir keine Schuld dabei an, sondern hielt es eben für einen Ausdruck ihrer seelischen Verstimmung. – Nun weiß ich aber, daß ich sie schwer gekränkt habe, weil ich damals bei Walters Erkrankung nach dem Buch fragte, das ich ihm geliehen hatte. Ich hatte ja keine Ahnung, was es damit auf sich hatte, hielt es nur für Bummelei und wollte das Buch, das mir lieb ist (Willibald Alexis) nicht verlieren. Es war aber garnicht harmlos, sondern Walter hatte das Buch annektieren wollen, das Vorsatzpapier, auf dem der Name stand, herausgerissen und seinen Namen mehrfach
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| hineingeschrieben. Das war natürlich für Rösel sehr schmerzlich und so fand sie meine Nachfrage unangenehm. Wie hätte ich das aber wissen können! Seitdem trägt sie mir also diese ungünstige Verknüpfung der Umstände nach ohne sich offen auszusprechen. Aber, wie gesagt, ich bin nicht die Einzige, die unter ihrem Benehmen leidet. Ursel Kohler, die eigentlich bei ihr wohnen sollte, um einige Radiumbäder zu nehmen, hat das lieber von Dielbach aus getan, um die unbehagliche Stimmung zu vermeiden. – Natürlich werde auch ich nun vorläufig nicht mehr hingehen. Aber an meiner herzlichen Anteilnahme und Zuneigung für Rösel ändert das nichts. Ich kann eine Freundschaft nicht einfach aufgeben. Vielmehr glaube ich, sie ist eben unglücklich und aus dem Gleichgewicht, drum ist sie so unbeherrscht. –
Eine andre Sorge erfahre ich heute auch noch, an der ich von Herzen Anteil nehme. Die Tochter von Frau Reg. Rat Franz, Enkelin vom General Mathy: Gretel Franz, eine begabte Klavierspielerin, die nach einer Lungentuberkulose durch längere
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| Kur geheilt war, hat wieder eine verdächtige Stelle in der Lunge und soll eine "Vorbeugungskur" von ¼ Jahr in Davos machen. Sie ist eine sehr beliebte Lehrerin, hat auch sonst ihren Weg hier im Kunstleben gemacht und da ist dies natürlich eine rechte Unterbrechung. Sie hat jedenfalls zu viel gearbeitet und es gibt eben nicht die nötige Ernährung dabei. Auch die ohnehin schwerblütige Mutter tut mir so sehr leid. – So ists, mein liebstes Herz, man hört kaum je etwas Gutes.
Ob ich Dir eigentlich schon nach [über der Zeile] von dem Beutezug nach GaibergWaldhilsbach schrieb? Kirschen gab es nicht eine einzige, und Himbeeren in Gaiberg auch nicht. Aber in Waldhilsbach bekamen wir, jeder woanders, jeder 5 <altes Pfundzeichen>. Die hätte ich ja lieber geschickt als die Stachelbeeren. Aber die wären wohl einem andern diesmal in den Koffer gelaufen.Da müßte man solch Konfitüreimer mit Deckel haben, dann ginge es.
Mit dem Gedanken an Berlin habe ich noch immer nicht abgeschlossen. Wenn wir auch nicht
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| viel davon haben würden, so wäre doch schon das Bewußtsein der Nähe gerade bei dem Gedanken einer Gefahr tröstlich. Schreibe mir doch nochmal, wie Du darüber denkst. Auch darüber bitte ich um Auskunft, wie Du die Reise nach der Reichenau planst? Ohne Unterbrechung? Oder mit Nächtigung hier?
Ich will nicht wieder vergessen zu schreiben, daß Du ruhig in das Wespennest stechen kannst, ich will es nicht wieder. Es interessierte mich nur, weil ich gerade bei Herrn von Fritsch gelernt hatte, wie die Königin den neuen Staat begründet.
Morgen muß ich wieder ein krankes Auge malen. Ich bin eigentlich nicht erbaut davon, denn meine eignen Augen machen mir zu schaffen. Aber ich bin ja doch froh, wenn man mir Arbeit gibt.
Nun aber gute Nacht! Hoffentlich schlaft Ihr ungestört. Wir hatten Alarm vorgestern. Es ist schon spät, aber ich bringe den Brief noch in den Kasten, daß er morgen früh um 6 geholt wird! Grüße Susanne und sei Du selbst innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.