Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Juli 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30 Juli 1943.
Mein geliebtes Herz!
Es war mir eine große Freude, daß Du mir schriebst, aber es beunruhigt mich, daß Du Dich nicht recht wohl fühlst. Hoffentlich hat die ruhige, gleichmäßige Wärme Dir ebenso wohlgetan wie mir. Es ist ja freilich gehörig heiß, aber ich bin dabei so arbeitsfreudig wie lange nicht. Trotz des Katarrhs, den ich schon seit mindestens 3 Wochen habe und der zeitweise sehr stark war, habe ich eine ganze Menge geschafft. Sämtliche Kinder in der Umgegend haben den Keuchhusten und da hatte ich natürlich Bazillen abbekommen, Hals- und Augenschmerzen, aber zum Husten kam es zum Glück nicht. Aber das ewige Augenweh hindert sowohl Lesenx [li. Rand] x aber ich freue mich auf den "Erdgeist" als Vorbereitung – wie Schreiben und die Beschäftigung tobt sich in Hausfrauenarbeit aus. Jetzt sind noch grüne Bohnen in Flaschen einzuschneiden – u.s.w. Genäht habe ich allerlei, was mir
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| in diesen heißen Tagen dienen sollte und immer nicht fertig geworden war. Gestern habe ich in meinem Zimmer den Fußboden mit einer Art Firniß gestrichen, denn er war aus Mangel an Wachs ganz abgelaufen. So gibt es immer lauter langweiliges Zeug, das man gewissenhaft weiter versorgt trotz der beständigen Vorstellung, daß es vielleicht garnicht mehr lohnt. Heut vormittag um 9 Uhr hatten wir Alarm, aber es war nichts von einem Angriff zu hören. 2 dicke Flugzeuge gingen ziemlich tief über uns hin, waren aber vielleicht heimische. Man steht am Fenster und guckt und kann doch nichts Genaues feststellen, solange keine Bomben fallen. Es ist ein allgemeines Entsetzen über alles, was geschieht und jeder fragt: wie soll das noch weiter gehen? Und es geht weiter Tag für Tag und man lebt von Tag zu Tag und hat sogar noch Wünsche für die Zukunft, nämlich – die Reichenau! Jetzt sind es also noch 3 Wochen! Das Herz ist beklommen in Gedanken an alles, was in
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|zwischen noch geschehen kann. Die Weltuntergangsstimmung geht so weit, daß man eigentlich garnicht weiter denkt, als zu wünschen, daß man eben das noch erleben möchte.
Susanne hat allerlei Mühe und Belästigung durch mich gehabt: erst die Beeren, dann die Rücksendung von Verpackung und Strippen, mehrere Karten und das Buch. Für alles sage ihr doch meinen Dank und mein Bedauern. Denn an dem Mißgeschick mit den Beeren ist ausschließlich Euer Postamt schuldig. Das Körbchen an meine Schwester schickte ich 2 Tage später und die Beeren waren schon ein bißchen reifer, also nicht so geeignet, und sie kamen am gleichen Tage wie Eure, am Montag d. 12., an und zwar wohlbehalten, wie Aenne schrieb. Es liegt also keine Unmöglichkeit zu solchen Sendungen vor, wenn nicht besondere Bummelei stattfindet. Ich bedaure es sehr, denn ich hatte gerade Susanne damit eine Freude machen wollen, weil ich ihre Vorliebe
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| für Obst kenne. –
Vorgestern hatte ich – nein am Dienstag! – vier Aprikosen [über der Zeile] !! bekommen und freute mich, sie dem Ehepaar Günther vorsetzen zu können, die ½ Stunde bei mir waren. Sie machen einen ganz munteren Eindruck, waren im Begriff noch eine Woche in die Südpfalz und [über der Zeile] nach Straßburg zu fahren. Wir gingen dann zusammen zu Drechslers, wo auch die Tochter aus Berlin, Frau Hoffmann, war. Von ihr bekam ich eine recht anschauliche Schilderung jenes großen Angriffs auf Berlin, der damals solche lange Nervosität auslöste. Sie ist heute wieder nach Haus gefahren, war nur zum 80. Geburtstag der Mutter hergekommen.
Dem Vorstand geht es leidlich; mit Rösel Hecht habe ich noch nichts wieder versucht anzubahnen, bin aber voll guten Willens. – Gretel Franz hat offiziell die Bewilligung einer Vierteljahreskur in Davos, erwartet nun aber schon länger das Visum und konnte daher nicht abreisen. Es war mir komisch, wie Du schriebst:
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| Lebertran, denn gerade am Tage vorher hatte ich mir welchen gekauft, der inzwischen schon alle ist und den ich erneuern werde. Gerade das Fett entbehrt man sehr. Hoffentlich nimmst Du auch welchen? Aufstoßen danach schadet nicht, er hilft doch.
3 Flaschen Wein habe ich nun beisammen. Aber die möchte ich bei der Hitze nicht abschicken. Sie liegen leidlich kühl im Keller. Andrerseits schiebt man ja nicht gern etwas auf. Was meinst Du dazu? –Wegen des Besuchs bei Ruges habe ich mich nun mit Aenne dahin verständigt, daß wirs für den Herbst verschieben. Meine Schwester hofft, mit ihrem Mann anfangs August nach Rügen zu können. Die Besserung hatte standgehalten, aber es würde lange dauern mit der Erholung. Er war vermutlich völlig überarbeitet und da hatte er keinen Widerstand gegen die Krankheit. Du weißt ja, wenn es garnicht mehr weiter geht, dann kommt die Flucht in die Krankheit.
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Daß ich nichts von dem hohen Besuch hier schrieb, ist eigentlich natürlich. Man hat nicht viel davon gemerkt, die Studenten und sonstiges Publikum war geladen, resp. befohlen, die andern hörten, wer da wollte, draußen die Übertragung; ich sprach aber niemand, der das tat. Begrüßung auf der Straße war kühl im Gegensatz zu der im Rheinland, von der Du wohl auch hörtest! Wer zufällig dazu kam, sah es selbst mit an. – Die Mitteilung über die neue Schnellbleiche wird Dir bekannt sein. Gustav Adolf Scheel ist ein Pfarrerssohn aus Mannheim. Ich lege den Ausschnitt aus unsrer Zeitung bei. Es soll wohl noch allerlei unter Dach gebracht werden um Eindruck zu erwecken!
Doch für heute genug des Schwatzens! oder sagen wir besser: genug "Gewäsch". Wie gern möchte ich mal wieder über all das reden können, was das Herz bedrückt, anstatt immer nur von Lappalien zu berichten. Grüße Susanne herzlich. Dir wünsche ich Zuversicht und Nervenkraft, und möglichst gutes Essen!! Ich grüße Dich innig!
Deine Käthe.