Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. August 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. August 43.
Mein geliebtes Herz!
Es ist unerhört, daß nun schon eine Woche lang die lockende Drucksache bei mir liegt und ich konnte sie immer noch nicht lesen, ebenso wenig wie das Buch von Busse! Die Nebensachen des Lebens nehmen äußerlich zu viel Raum ein, und innerlich fehlt die Ruhe, so zwischendurch eine Stunde zwischendurch rasch zu konzentriertem Lesen zu benutzen. Und doch sind meine Gedanken immerfort mit Dir und dem, was Dich angeht, beschäftigt. Natürlich ist im Mittelpunkt die drohende Luftgefahr Berlins. Wir spüren hier die berechtigte Nervosität mit, und es ist doppelt quälend, fern sein zu müssen. – Dein lieber Brief und seine Bedenken in Bezug auf die geplante Reise lösen recht geteilte Gefühle bei mir aus. Ich freue mich, daß das Semester zuende
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| ist, aber daß Du wegen einer bald zu erwartenden Entscheidung nicht von Berlin fort willst, ist betrübend und, wie mir scheint, bedenklich. Die Berichte aus Hamburg lehren, daß einfach nichts gegen solche Verwüstung zu machen ist, und warum soll man auch noch das Leben dazu preisgeben? Berlin soll seine Einwohner auffordern, wie man sich hier erzählt, freiwillig fortzugehen. Das wäre natürlich ratsam, ehe eine Massenflucht einsetzt. Daß vorher eine Entscheidung käme, ist mir sehr unwahrscheinlich. Selbst wenn wir einen definitiven Achsenbruch haben sollten, wir lenken nicht ein. Ich glaube, es hätte auch keinen Zweck. Und wenn von "andrer" Seite eine Entscheidung erzwungen werden sollte, dann wäre der Aufenthalt in Berlin auch nicht gemütlicher. – So komme ich mit allem Überlegen immer nur zu dem Resultat: Wohl dem, der Berlin verlassen kann!
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| Im übrigen ist hier ebenso düstere Stimmung wie überall. Jeder fragt den andern: wie soll das weitergehen? Dabei kommt eine traurige Nachricht nach der andern. – Ich bin froh, daß Euer Fliegerneffe aus Sicilien entkommen ist. Wenn doch der ältere Schwiegersohn meiner Schwester auch schon von Leningrad zurück wäre! Willi Pramann (Mädi's Mann) soll Urlaub haben und sie mit ihm in Berlin sein, ob mit oder ohne Kinder weiß ich nicht. Sie geht aber wieder nach Lütting.
Die Drechslersche Tochter kommt mit 3 Kindern [über der Zeile] aus Berlin hierher. Die Mutter mit der hiesigen Tochter wird am Montag für 3 Wochen nach Lenzkirch gehen. Heinrichs waren sehr befriedigt von der Pension in Freudenstadt. Sie wohnten ganz nahe am Friedrichsturm, hatten ein großes Zimmer mit schöner Aussicht, und im allgemeinen Wetterglück.
Dagegen wartet Gretel Franz seit bald 3 Wochen auf das Schweizer Visum. Es ist schade um die Zeit, die sie nun dadurch verliert. Ich war vorgestern abend bei ihnen sehr behaglich zum Abendessen auf dem schönen Balkon. – Nachts gab es dann ein Gewitter, und seitdem ist es wohltuend abgekühlt.
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| Für solche freundschaftlichen Besuche, und überhaupt, ist es schade, daß die letzte Elektrische schon um 10.10 vom Bahnhof hier heraus fährt. –
Hier in der Gegend ist die Ernte großartig, und das Obst in Fülle, dagegen soll in dem badischen Nordostzipfel gegen Franken hin Dürre sein. das ist nun eine Überlenkung zu meinem Wirt. Er verabschiedete sich s. Z. "nach dem Osten". Am nächsten Sonntag war er wieder zu Haus: Er war nur eingekleidet worden. Dann ging er fort, nicht nach Osten, sondern nach Westphalen, und jetzt – ist er im Urlaub hier. Alles innerhalb von etwa 6 Wochen. Jeder der es hört, sagt: "Der versteht's." Er rechnet vielleicht auch mit einer baldigen Entscheidung?
Eine Freude war mir heute ein einlenkendes Briefchen von Rösel Hecht. Es ist wohl die Folge von einem diplomatischen Brief, den ich der Tochter Hanna nach Leipzig schrieb zu ihrem Geburtstag, zu dem die Mutter hingereist war, wie ich wußte. Nun wird das ja hoffentlich wieder in Ordnung kommen. An meinem guten Willen solls nicht fehlen.
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Du wirst denken, ich wäre weit vom Schuß, aber schließlich kann uns doch allen eine ähnliche Situation bevorstehen. Wollen wir um der Sachen willen der Gefahr trotzen, oder wollen wir leben trotzdem?!
Warum ich so viel zu tun habe? Auch aus Fürsorge für die nackte Existenz. Ich bekam 5 <altes Pfundzeichen> Mirabellen geschenkt, die habe ich eingekocht. Und Schneidebohnen habe ich in Flaschen gefüllt; das geht so neben der täglichen Hausarbeit und dem zeitraubenden Einkaufen. Ich bewundere, daß Susanne Euren Haushalt allein bewältigt, denn für mich allein kann ich auch 5 gerade sein lassen, in einem gemeinsamen Haushalt geht das nicht. – Das Haupthindernis für meine Leseabende war die Hitze, bei der ich nicht mehr verdunkelte, um einfach alle Fenster auflassen zu können. So brannte ich keine Lampe mehr an und obgleich ich dadurch meine Augen schonte, tun sie mir doch sehr viel weh. Auch der versteckte Schnupfen ist noch nicht vorbei.
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Daß es meinem Schwager wieder besser ging, hast Du ja inzwischen durch meinen letzten Brief erfahren. Sie wollen etwa am 6. nach Rügen.
Das sind so die allgemeinen "Neuesten Nachrichten". Und das ganz Private ist eine schmerzliche Enttäuschung, daß Du so schnell zum Verzicht bereit bist. Aber ich sehe auch die Gründe, doch sind sie nicht geeignet, mich irgendwie zu beruhigen, sondern sie tragen nur dazu bei, daß ich Euch, ganz abgesehen von dem erhofften Widersehen, von Berlin fortwünsche.
Wenn es jetzt wieder kühler wird, und wir hatten heute schon ganz normale Temperaturen, dann komme ich nun auch endlich an die Lektüre alles dessen, was Du mir schicktest und wofür ich Dir ganz besonders danke. Ich habe so das Gefühl, Du tust es gewissermaßen als Entschädigung. Aber auf ein Wiedersehen, so oder so, kann ich wirklich nicht verzichten. – Schon immer wollte ich mal schreiben, daß Du doch ja kein Geld mehr auf die Sparkasse schicken möchtest. Es stehen dort 3800 und ich habe seit dem 10.III. nichts abgehoben, weil immer genug im Hause war.
Alles andre, mein geliebtes Herz, mußt Du zwischen den Zeilen lesen. Es steht da viel Liebes und Trübes. – Sei mir innig gegrüßt und grüße auch Susanne.
Deine Käthe.