Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. August 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. August 1943.
Mein geliebtes Herz!
Heute kamen Deine 2 eingeschriebenen Briefumschläge, die ich gleich in die Tasche versenkt habe, in der meine Wertsachen sind. Einen irgendwie sicheren Platz habe ich nicht dafür. Und gleichzeitig kam Dein lieber Brief, für den ich Dir ganz besonders danke. Ja, es ist das Beste, sich immer ehrlich die volle Wahrheit mitzuteilen. Man weiß ja doch zu viel, um nicht auch das Ungesagte zu spüren. Alles was Du an Tatsachen meldest, hört man auch hier, und man redet von der Evakuierung auch von Königsberg, Danzig, München, Stuttgart. Wo sollen denn all die Menschen hin?
Eure Pläne gehen mir nun den ganzen Tag im Kopfe herum und ich bedauerte schon vorher, daß ich nicht in meinem letzten Brief bereits schrieb, ob Ihr nicht wenigstens hierher kommen wollt? Absolut sicher ist es ja nicht, aber wir
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| haben Flüchtlinge aus Westphalen hier offiziell, also ist doch das Gebiet zugelassen. Bei Frau Buttmi stände Euch das elterliche Schlafzimmer zur Verfügung, das schon seit Kriegsbeginn unbenutzt ist, da die Familie den oberen Stock garnicht benutzt. Zum Aufenthalt hättet Ihr meine Wohnung, die freilich sehr eng aber gemütlich ist. – Es wird ja mit der Überfüllung der Bahnen nicht immer so bleiben und es wäre vielleicht ein günstiger Zeitpunkt abzupassen. – Vorläufig werdet Ihr wohl noch die Nähe des eignen Hauses vorziehen, aber es kann doch sein, daß die Einsicht rät, fortzugehen. Und für diesen Fall möchte ich es Euch nahe legen, von dieser guten Möglichkeit Gebrauch zu machen. Es wäre fürs Erste doch ein Unterkommen, bis man klarer sieht, wie sich alles entwickelt. Schreibe mir, bitte, ob es in Frage kommt, denn natürlich wird es ein begehrtes Objekt sein und immer mehr werden! – Zu einer solchen Möglichkeit
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| wie in Italien fehlen uns wohl die Bedingungen. Denn wer sollte die Erbschaft übernehmen? Auch bin ich überzeugt, daß "wir" bis zuletzt Widerstand leisten werden, die Hydra hat auch zu viele Köpfe.
Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß es mir bei meiner Hoffnung auf den Reiseplan in erster Linie darum zu tun war, Euch dann fern von dem gefährdeten Berlin zu wissen. Und ich hatte die stille Hoffnung, daß sich dann wohl die Sache inzwischen etwas abklären könnte. Nun hat sich alles so rasch zugespitzt, daß man von Schwindel gefaßt wird. Wir stehen am Rande des Abgrunds – gibt es noch einen Weg für uns?!
Und doch, mein einzig geliebtes Herz, habe ich gerade heute wieder so tief das Gefühl einer Führung gehabt, die unser Leben lenkt. Und ich will mich ihr vertrauen.
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Meine heißen, treuen Wünsche sind mit Dir, und ich bin erfüllt von dem Reichtum, der durch Dich in mein Dasein gekommen ist. Das gibt mir Kraft, dem äußeren Geschehen standzuhalten.
Grüße Susanne, und sei selbst in Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.