Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. August 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Aug. 1943.

[von fremder Hand] erh. 18. Aug.
Mein geliebtes Herz!
Hoffentlich haben Dich Brief oder Karte rasch erreicht und Deine unnötige Besorgnis zerstreut. Du siehst daran, daß ich nicht gleich schrieb, wie wenig wir an dem Angriff beteiligt waren. Mancher Alarm mit brausenden Flugzeugen war schon ähnlich über uns hingegangen, und wie schwer Mannheim betroffen wurde, haben wir erst so nach und nach erfahren. Immer noch hört man Neues über den Schaden, den arme Menschen erlitten haben.
Sehr unruhig bin ich nun, bis ich weiß, wie sich die Verhältnisse bei Euch geordnet haben. Es ist tröstlich, daß Ihr vorerst ein Unterkommen habt. Aber wie schwer es ist, seinen Besitz einfach imstichlassen zu müsssen, das kann ich mitfühlen. Auch Ruges haben ihre Wohnung diesmal ohne Schutz zurück gelassen. Es ist seltsam zu denken, wieviel wertvoller Volksbesitz da einfach preisgegeben werden muß. Und
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| man weiß doch, daß er unersetzlich ist –  –  – So gehen die Tage jetzt zwischen Bangen und Gefaßtheit hin – man lebt im Tage und vom Zeitlosen. Nach einigen stürmischen Herbsttagen scheint es wieder warm und sonnig zu werden. Aber die Kehrseite sind dann wieder die klaren Nächte, in denen regelmäßig die Angriffe erfolgen.
Am Freitag war ich nun bei Rösel Hecht, und eine klärende Aussprache hat, wie ich hoffe, eine gute Verständigung erzielt. – Aus Frankfurt kommt heute die Nachricht, daß Oberstleutnant Weise im 90. Lebensjahr gestorben ist. Ich weiß, daß es eine Erlösung von einem leergewordenen Dasein ist, aber für meine Cousine ist es natürlich von einschneidender Bedeutung.
Die gespannte Erregung der letzten Woche ebbt jetzt allmälig etwas ab. Ich habe begonnen den "Erdgeist" zu lesen, in kleinen Portionen, denn ich muß die Augen noch
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| immer schonen. Aber je weiter ich mit dem Lesen komme, umso stärker fesselt mich das Buch. Busse ist doch wirklich ein Dichter mit prachtvoll bildhafter Sprache und seine Menschen sind sehr lebensvoll und charakteristisch, mit Liebe geschildert. Die schwankende Grenze zwischen Spuk, Phantasie und Aberglauben ist sehr geschickt und reizvoll. Aber damit hast Du vollkommen recht, das Christliche wird einfach totgeschwiegen. Ich erkläre mir das so, daß eben etwas Bestimmtes herausgehoben sein soll als Inhalt des Ganzen: Die Bauernromane schilderten die allmälige Entfremdung von der Landarbeit und dem ursprünglichen Leben mit Erde und Natur. Nun sucht er wieder eine Anknüpfung und möchte sie in diesem Geist der Volkssage darstellen, der "jenseits von Gut und Böse" sein Wesen unentwegt weiter treibt. Vielleicht kommt doch noch ein weiteres Buch von Busse, in dem
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| er schildert, wie Deutschland sich auf sein geistiges Erbe aus der christlichen Zeit besinnt. Ich glaube, daß doch wohl die Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche, die durch alle diese Schilderungen geht, doch wohl der Gegenwart vor 15–20 Jahren entspricht. Es ist aber anders geworden und wird es noch mehr werden.
Mit herzlichen Wünschen für Euer Ergehen denke ich eigentlich stündlich an Euch. Ich werde sehr dankbar sein, wenn ich höre, wie Ihr untergekommen seid und wie Ihr Eure Tage nun – nachdem hoffentlich die ärgste Arbeit vorbei ist – zubringt.
Sei in treur Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[] Beschreibe mir doch, wie diese Johannesmühle zu Freienwalde liegt! bitte.