Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. August 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.8.43.
Mein geliebtes Herz!
Wann werden Dich wohl meine verschiedenen Nachrichten erreicht haben? Gleich nach Empfang Deiner Anfrage vom 10. hatte ich nach Dahlem und nach Johannesmühle geschrieben, und dann noch einen zweiten Brief an letztere Adresse. Deine liebe Karte, geschrieben am 14., gestempelt am 16., kam endlich am 19. zu mir und gab mir Nachricht über Deinen Verbleib. Es scheint ja ein ganz günstiges Unterkommen zu sein, das Euch da geboten wird, aber es berührt mich eigen, gerade in einem Fabrikanwesen der Firma Waldhof Schutz zu suchen. Aber schließlich können ja nicht alle Betriebe Ziel eines Angriffs sein.
Wir hatten letzthin zweimal nächtlichen Alarm, ohne daß etwas in Hörweite geschah; um die Mittagszeit wird es vorläufig weiter garnicht beachtet. Ich habe mich da auch weder beim Kuchen noch beim Essen stören lassen. Vielleicht werden wir da noch dazulernen
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| müssen. –  – Ich habe jetzt meinen guten Wintermantel nach Dielbach geschickt. Vielleicht werde ich in nächster Zeit mal selbst hinauffahren und dann etwas Wäsche mitnehmen. So überlegt man sich Vorsichtsmaßnahmen und ist doch im stillen überzeugt, daß in entscheidenden Moment alles vergeblich ist.
Das gute Wetter hat etwas so Dauerhaftes, daß man wohl annehmen kann, es wäre über ganz Deutschland verbreitet. Aber ob die ununterbrochene Sonne günstig ist in einer Gegend ohne Wald? Denn nach ein paar Tagen der Ruhe nach all den Anstrengungen werdet Ihr doch wohl das Oderbruch näher besichtigen. Auf der alten Spezialkarte der Mark aus meiner Schulzeit, die mir auch bei der Lektüre Fontane's gute Dienste tat, habe ich das Städtchen Zehden gleich gefunden. Du schreibst, daß es ein Unterkommen für 3 Wochen sei; was soll dann werden? So schnell, wie
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| man es in Gedanken meint, pflegen sich die Verhältnisse nicht entscheidend zu ändern.x [li. Rand] x auch das nicht, was Du als Zeitungsnachricht ankündigtest. Da Du von dort, wie es scheint, doch nicht beliebig nach Berlin hin und her kommen kannst, wäre vermutlich der von Emmy zugesagte Aufenthalt auf der Reichenau ebenso gut möglich gewesen. Aber die Panikstimmung in Berlin hat wohl solche Erwägungen nicht aufkommen lassen. Du wirst ja nicht meinen, daß die Lektüre des Busseschen Buches mir irgendwie Ersatz sein könnte für den erhofften Besuch der Insel. Auch daß ich mich durch Deine Abwehr verhindern ließ nach Berlin zu reisen, war vermutlich nicht klug.
Den "Erdgeist" habe ich nun zu Ende gelesen. Es wurde allmälig ziemlich schleppend und ermüdend. Und er hatte wohl selbst
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| das Gefühl davon, daß er die sonderbare Entschuldigung im letzten Nachwort nötig fand. Die Figur des Poppele ist mir überhaupt zu inkonsequent behandelt, bald ist er ein überlegener Geist, bald irgend ein zufälliger Mensch, bald nur Tücke des Objekts. Und was soll die Sache mit dem Roß vom Benkler? Das wäre doch richtige Hexerei! Es geht mir zu weit mit den Seltsamkeiten. Aber ich gehe mit, solange es sich um Träumereien und phantastische Deutungen handelt. –
Nun habe ich mich mit Freude an das Heft mit der Nachschrift Deiner Vorträge gemacht. Freilich spürt man, daß es nur eine Nachschrift ist, auch sind sogar mir schon allerlei Druckfehler aufgefallen, aber der Inhalt fesselt mich.
Wie aber steht es mit dem Goethebuch? Ist es jetzt im Buchhandel und wie ist der Titel?
Heute, Dienstag war Lesekranz bei Schoepffers: Walter Flex, eine kleine Novelle "Kanzler Klaus von Bismarck". – Ich werde jetzt diesen Gruß an Dich, mein liebes Herz, in den Briefkasten bringen, daß er morgen um 6 Uhr fortgeht. Wann wird er bei Dir sein? Grüße auch <li. Rand> Susanne und laß bald und viel von Dir hören!
Deine Käthe.