Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. August 1943 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 28. August 1943.
Mein geliebtes Herz!
Zum 31. möchte ich doch wenigstens mit einem schriftlichen Gruße bei Dir sein, damit Du mein unablässiges Gedenken merkst. Da Ihr bereits wieder an Abreise denkt, habe ich nicht den Mut, ein Päckchen zu schicken mit kleinen Nützlichkeiten wie Bromural und Dextropur. Auch die drei Flaschen Weißwein warten nun umsonst bei mir im Keller. Es ist doch eigentlich garnicht einzusehen, was diese kurze Evakuierung nützen soll, und ich hoffe im Stillen, daß vielleicht die ganze Universität ebenso verlegt wird wie so manches andere.
Das beispiellos schöne Wetter tut mir geradezu weh, denn es redet beständig von dem, was jetzt sein könnte! Uns hier geht es wirklich noch ausgezeichnet.
[2]
| Wir haben selten Alarm, und auch heute nacht war es nur ein endlos langer Durchflug mit viel Flackfeuer in der Ebene. Die kleinen schwarzen Metallstreifen lagen aber heute morgen auch bei uns auf der Straße. Es soll eine Störung gegen das Anpeilen sein. – Also wir schlafen meistens durch, haben Überfluß an Gemüse und Obst. Wie gern schickte ich Dir die idealen Äpfel, die ich von der Schwiegertochter meiner Frau Kühn bekommen habe. Schon der Duft ist ein Genuß, und sie sind gerade reif zum Essen. Aber eine Reise ins Ungewisse möchte ich ihnen nicht zumuten. – Die "Alte" hatte mir nämlich meinen Linoleumteppich, den ich eigentlich in meine Küche legen wollte, abgenötigt für die junge Frau. Ich war erst über das einigermaßen kommunistische Verfahren empört, die Tochter hat sich aber so bemüht, mir das Opfer zu vergelten mit Zwetschgen, Äpfeln und Birnen, Mehl, Hülsenfrüchten und Maizena – und sie hat mir einen so sympathischen Eindruck gemacht
[3]
| mit ihrem reizenden zweijährigen Jungen, daß ich völlig versöhnt bin. Außerdem hat man ja allmälig gelernt, daß Eigentum — Diebstahl ist.
Vermutlich hat der große Angriff auf Berlin Euch auch eine Nachtruhe gekostet, da Du schreibst, daß Ihr von Eurem Fenster aus beobachten könnt. Ich war heute allein im Keller, da jetzt mein Hauswirt wieder fort ist und die Frau keine Ordnung hält. Ich bin mit mir noch nicht einig, ob ich vielleicht auch in meinem Vorplätzchen bleiben könnte? Aber die Brandbomben schlagen ja auch durch mehrere Stockwerke, besonders bei diesen so leicht gebauten Häusern; und man möchte nicht oben bleiben, wenn etwa die Treppe brennt. – Nach Dielbach bin ich noch nicht, da Ursel, die mir Nachricht geben wollte, zuhause krank ist. –
Dein lieber Brief vom 22.8. hat sich wieder mit einem von mir gekreuzt. Die Schilderung der Gegend ist nicht geeignet mich zu erfreuen, so liebenswürdig auch die Menschen sind, die Euch aufgenommen haben. – Die Fabrik auf
[4]
| dem Waldhof habe ich übrigens vor vielen Jahren mal unter Führung von Prof. Kindermann besucht, und es wurde damals in der Besprechung betont, daß die sanitären und sozialen Maßnahmen zu wünschen übrig ließen. Vermutlich war der Chef, der damals mit einem feinen Auto abfuhr, der Vater Deines Nachbars.
Es ist mir seltsam zu denken, daß dies jetzt Tage eines Jubiläums sein sollen! Auch damals schien die Sonne den ganzen Tag – am 23. – 30. – 31. – aber es war wohl eine andre Sonne. Jetzt macht sie mir das Herz schwer. Aber wie darf ich klagen, wenn ich bedenke, was mir jene Begegnung gebracht hat!
Und so grüße ich Dich in immer gleicher Inningkeit, dankbar und treu. Viel gute Wünsche auch Euch beiden.
Deine
Käthe.