Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. September 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Sept. 1943.
Mein geliebtes Herz!
Gerade als wir vorgestern in Waldhilsbach die Karte an Dich geschrieben hatten, verkündete der Lautsprecher den erneuten schweren Angriff auf Berlin. Es erschreckte mich tief, und ich war nur froh, daß Ihr wenigstens nicht dort wart, wenn auch das Haus wohl wieder sehr gefährdet war. Immer ist es die gleiche Stadtgegend, die wohl abrasiert werden soll. Ich darf garnicht daran denken, daß Dich möglicherweise Dein Beruf am 10. wieder in diesen Hexenkessel zurück zwingt. – Einen andern Schrecken hatte ich heute, nämlich die begründete Sorge, daß dem Vorstand wahrscheinlich das Schicksal der alten Wingeleit bevorsteht. Ich werde morgen
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| zu ihren Freunden Mehners gehen und hören, ob sie einen Rat dagegen wissen.
So wäre der wohltuende Eindruck des Waldspaziergangs ganz verwischt, und es war darum ein wahrer Trost, daß ich die lieben Nachrichten von Dir habe, erst die karte aus Freienwalde und gestern den lieben, unendlich lieben Brief vom 29. Aug. – Ja, auch mir waren all die Ereignisse jener bedeutungsvollen Tage wieder doppelt gegenwärtig, und es klang in mir mit Goethes Worten: "Dich mußt ich lieben, weil durch Dich mein Leben zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.", Und auch sonst gemahnt es mich, wie Du siehst, an jene Zeit mit symbolischen Zeichen, denn auf dem Waldweg lag plötzlich vor mir diese schöne Feder. Sie wollte mir wohl sagen, daß ich die Schwungkraft nicht verlieren dürfe, wie Du es sicher
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| an meinen letzten Briefen gemerkt hast, und wovon mich nun doch erst Deine lieben Zeilen bewahrt haben. Es war mir garzu schwer, auf das ersehnte Wiedersehen zu verzichten und Deine Berichte über die äußeren Dinge Deines Lebens ließen es mich beklagen, daß Ihr nicht hier die Zuflucht hattet suchen können, wo es Euch augenblicklich noch ideal gegangen wäre. Und bei allem muß man doch leider denken: zum letztenmal. – Aber sagen wollen wir das lieber nicht, und schriftlich auch nicht berühren, was damit zusammenhängt aus mancherlei Gründen. Wir wissen ja aus langer Erfahrung, daß wir uns auch ohne Worte verstehen. Nur eines möchte ich noch fragen: wie soll ich mich verhalten, wenn etwa hier auch die alten Leute aus der Stadt befördert werden? Es ist ja freilich nicht einzusehen, denn wo ist man denn etwa
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| sicherer? Oder soll nur hier dann Platz geschaffen werden? – Du siehst an meinen Bedenken, daß auch ich womöglich noch weiterleben will, um mit Dir auf das Morgenrot zu warten. Aber wenn es mir nicht bestimmt sein sollte, so bin ich dankbar für ein Leben von solch unverdientem Reichtum, daß ich nur in Andacht die göttliche Führung verehren kann. Und das ist die Kraft, die immer wieder belebt, wenn ich verzagen will. Es ist eine Führung über uns, die wir zuweilen ahnend spüren und in der wir uns geborgen fühlen. Am Tage Deines Abschieds 1903 sagte ich zum Vorstand: ich weiß es wohl, daß dieser Mensch mein Schicksal ist, – Aber ich wußte doch nicht, welch eine lange Reihe von Jahren unvergänglichen, reinen Glückes – ich möchte sagen: nicht irdischen Glückes das bedeutete. Durch Dich habe ich zum Sinn des Lebens gefunden, in Dir fand ich Erfüllung
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| dessen, was ich vom Dasein Hohes und Unvergängliches forderte und ersehnte. Und nicht nur dieses Tiefste, auch vom äußeren Leben hast Du mir auf all den vielen Reisen eine Fülle von Schönheit geschenkt, die in mir weiterlebt. Gerade heute habe ich, veranlaßt durch ein Gespräch mit dem Ehepaar Heinrich, mit ihnen das Album unsrer Reisebilder durchgeblättert und dabei wieder empfunden, wie unendlich viel Du auch damit mir schenktest. Und so ist es immer geblieben, alles bezieht sich nur auf Dich. Dir danke ich, wenn ich nicht umsonst gelebt habe.
Jetzt warte ich nun mit Ungeduld auf Nachricht, ob Ihr wirklich in Schloß Hardenberg seid? Ob ihr Ihr wieder beruhigende Nachricht über das Haus hattet? – Schrieb ich nicht, daß Ruges schon – ich glaube am 4.8. – nach Lütting auf Rügen fuhren? Es wurde noch auf Krankenwagen an den Zug ge
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|bracht, und sie hatten reservierte Plätze. Urlaub geht bis Mitte September. Von ihnen hörte ich seit der Ankunft dort noch nichts, auch weiß ich nichts von Hilde, die im Dienst in Berlin zurück blieb. Mädi war in Oeynhausen, ob noch, weiß ich nicht. Nach Lütting kann sie erst, wenn Ruges fort sind. – Auch sonst fällt einem immer wieder jemand ein, um den man Sorge hat!
Gelassen sein ist leicht in Zeiten der Ruhe. Im Sturm wie jetzt erscheint es beinah wie Stumpfheit. Und man muß wirklich etwas abstumpfen, sonst erträgt man es nicht. Auch sonst mehren sich die Alterszeichen; das Gedächtnis versagt völlig und täglich muß ich irgend etwas Wichtiges suchen.
Draußen rufen die Käuzchen, und es ist schon sehr spät. Hoffentlich schläft Du schon und es geht Euch jetzt etwas besser als in Freienwalde, vor allem mit der Ernährung.
Susannes Grüße erwidere ich sehr herzlich und Dich grüße ich in Dankbarkeit und Liebe.
Deine
Käthe.