Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Oktober 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Okt. 1943.
Mein geliebtes Herz!
Mir ist, als hätte ich Dir sehr lange nicht geschrieben, aber die Tage gehen in ihrem Gleichmaß so schnell, daß man ganz das Zeitgefühl verliert. Heute aber ist Sonntag, und Du hast ihn mir ganz besonders verschönt durch die Sendung des Goethebuches. Ich denke dabei an Königstein – – ach, und wie fern liegt das schon! Ist es nicht, als wäre es Jahre her? Heute ist eine ganz andere Welt, und man fühlt sich wie angeschmiedet. Nicht jeden Tag ist man dazu fähig, sich innerlich frei zu ringen, und es bleibt bei der Flucht in die tägliche Arbeit. Wenn es nur immer etwas "Tüchtiges" sein könnte! – Sehr oft bleibt es eben doch bei der "Sehnsucht ins Ferne", und da ist dann Brief und Sendung von Dir ein tröstliches Balsam. Habe vielen Dank!
Es ist mir im Anschluß an jene so bedeutungsvolle Niederschrift von 1905 noch viel
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| durch den Sinn gegangen, und in aller äußeren Unsicherheit ist eine große stille Gewißheit in mir von der Sinnerfülltheit unseres Lebens. Denn die gleiche prophetische Schau, die damals aus Dir sprach, fand in mir als Forderung ein Gegenbild, wenn ich wartete auf die Gestaltung einer neuen Religion. Es war mir geradezu wie die Erfüllung als Du mir damals die "Weltfrömmigkeit" schicktest. Es war mir nie so klar geworden im Laufe der allmäligen Entwicklung.
Und dann: die persönliche Bestimmung! Wie oft habe ich in den früheren Jahren unsrer "Höhenwanderung" das Gefühl gehabt, daß wir am Abgrund gehen, daß ich Dich vor Gefahr bewahren möchte. Und jetzt? Jetzt ist das Leben auch äußerlich an den Rand des Abgrunds gekommen und man hat nicht die Macht, den andern zu behüten. Aber ein fester Grund ist geblieben, an den auch die zerstörenden Mächte der Gegenwart nicht heran können und aus ihm wollen wir uns immer von neuem Kraft holen.
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Im allgemeinen ist ja das Damoklesschwert hier nicht viel fester aufgehängt, wie bei Euch. Man ist nicht erbaut davon, daß alle möglichen Betriebe von Mannheim hierher verlegt sind. Doch ist vorläufig bei uns noch nichts Ernstliches geschehen. Am vorigen Montag hatten wir innerhalb von 24 Std. 4x Alarm, davon einmal nur Voralarm. – Mit der Evakuierung des Vorstands ist es noch nicht weiter gekommen, als daß Winters, die in Wiesbaden wohnen, es ablehnen, sie aufzunehmen. "Es sei auch viel besser für sie, in dem Verband zu bleiben, in dem sie jetzt lebe." –  –  –  –
Es sind jetzt Fragebogen dagewesen wegen der Wohnräume. Bei Beginn des Krieges wurden ja z. B. in Karlsruhe ältere Leute fortgeschafft. Ich glaube ja nicht, daß man das wieder tun wird. Aber auf alle Fälle habe ich mich gleich damit zu sichern gesucht, daß ich Prof. Engelking bat, mich auf die Arbeit bei ihm in der Klinik berufen zu dürfen. Und nur im äußersten Notfall möchte
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| ich mich in meine liebe Vaterstadt Berlin flüchten, um nicht in irgend ein Spittal gesteckt zu werden, wie es Damen aus Mannheim geschehen ist, die im Elsaß zu sechs in einem Zimmer hausen. Im Grunde ist es freilich so, daß – wie ich heute sagen hörte – man froh sein muß, wenn man das nackte Leben rettet. – Vorläufig ist mein "nacktes Leben" noch recht gut versorgt und Du kannst darüber ganz ruhig sein. Es wird mir wiederholt gesagt, daß ich viel wohler aussehe, als in letzter Zeit. Bei Dir scheint es leider nicht der Fall und ich bedaure sehr, daß ich Dir in Zukunft nicht mehr Dextropur verschaffen kann. Es wird nicht mehr geliefert. Ich nehme noch immer Lebertran und Priovit, außerdem ist das Essen gut, das ich mir koche.
Gestern habe ich nun das Kistchen mit den 3 letzten Flaschen Wein abgeschickt, die noch immer bei mir im Keller lagen. Und nun ist die Frage: soll ich auch den "Erdgeist" schicken und den Vortrag für die Wehrmacht? Viel sicherer als bei Euch sind ja die Sachen hier
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| auch nicht und außerdem ist wohl beides nicht unersetzlich. –
Draußen ist ein beispiellos schönes Herbstwetter. Es lockt hinaus, aber es ist nicht mein Fall, allein spazieren zu gehen, und ich bin überhaupt nicht gern immer den ganzen Tag allein. Am besten verstehe ich mich eben mit Hedwig Mathy, die aber so weit weg wohnt und außerdem nächste Woche verreisen will nach Waldkirch. Aus meiner Absicht mit Dielbach ist noch nichts geworden. Ich möchte dorthin noch einige Sachen mitnehmen, um nicht alles an einer Stelle zu haben. –
Ruges sind in Berlin. Auch Hilde, die jüngste Tochter, die als Schwester im Dienst in Karlsbad war, entzückt von der Gegend. Von Mädi hatte ich heute Bilder von ihrem Jüngsten, der aber keine Schönheit ist. Sie ist nach einem bewegten Sommer wieder auf Rügen mit den zwei Jungen. Heinz muß eine Stunde weit gehen zur Schule.
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| Wie das im Winter werden soll ist schleierhaft.
Einen erfreulichen Brief hatte ich von Häbler. Er ist wieder voll im Schuldienst und ist Direktor der Mädchenerziehungsanstalt in Tüllingen bei Lörrach.
Und Ihr wart bei Sabines Hochzeit? Möge sie bei diesem Lebensplan länger aushalten als bei der vorherigen. –  – Die Idee von Lore wegen des Bildes mahnt etwas an nicht arische Abstammung! Oder stimmt das nicht bei ihr?
Ich will jetzt den Brief noch fortbringen. Darum nimm Vorlieb mit diesem Gemisch und laß Dir nur noch Dank und viele Grüße sagen. Auch Susanne danke ich herzlich für Verpackung und Sendung des Goethebuches.
In stetem Gedenken
Deine
Käthe.