Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Oktober 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Okt. 1943.
Mein geliebtes Herz!
Viel hätte ich mitzuteilen und noch mehr möchte ich schreiben; – aber ob ein Brief daraus wird – wer kann es wissen? Vorsorglich habe ich mal ein paar Bohnen in den Kaffee spendiert, damit sie meinen lahmen Geist beflügeln. Erst will ich aber mal damit anfangen zu danken, für das schöne, liebe Goethebuch und den freudig empfangenen Brief. Gut, daß die Weinkiste heil angekommen ist, und ich bitte um baldige Rücksendung. Hoffentlich sind auch die Quitten bei Susanne angelangt, die ich Freitag d. 15. abschickte. –
Aber Du mußt nicht sagen, Du hättest "nichts Stärkendes" für mich. Wovon sollte ich denn leben, wenn ich nicht all den geistigen Reichtum von Dir geschenkt bekäme? –
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Im Goethebuch habe ich mich gleich über den letzten Vortrag hergemacht, der mir als schwer zugänglich in der Erinnerung war, und mit Erstaunen las ich ihn jetzt in seiner zwingenden Klarheit. Bin ich aufnahmefähiger oder ist er wirklich anders geworden? Ich suchte in meinen Sonderdrucken nach der ersten Fassung, aber ich finde ihn nicht. Jedenfalls habe ich ihn in dem Exemplar des Vorstandes s. Z. gelesen, aber sonst habe ich doch alles auch von Dir bekommen, oder nicht? – Verleihen tue ich die Exemplare von Dir nur, wenn ich sie zufällig doppelt habe. – Und jetzt nun nach berühmten Vorbildern eine Bitte an den Autor: Sofort nach Empfang des Goethebuches bin ich in die Buchläden gegangen, um es zu kaufen; ich war jetzt allmälig wohl in sämtlichen – es ist entweder vergriffen oder unbekannt. Du hast mir auf
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| meine Anfrage nach Verlag und Titel damals nicht geantwortet und bei der jetzigen Bedienung in den Läden kann man mit einer unbestimmten Forderung garnichts ausrichten. Nun hoffe ich aber, daß Du, als Verfasser vom Verlag für mich als käuflich noch mindestens 3 Exemplarex [li. Rand] x lieber noch 5! besorgen kannst. Ich will sie gern bezahlen, was sie auch kosten mögen, aber ich habe liebe Menschen, denen ich eins zu Weihnachten schenken möchte. Ich bitte Dich sehr herzlich, besorge es mir! – Mein Exemplar liegt immer des abends griffbereit und gibt mir Freudigkeit und Ruhe.
Von dem schönen Spaziergang am Mittwoch d. 13. mit Hedwig Mathy schrieb ich an Susanne. Wir haben noch immer solche mehr oder minder herrlichen Herbsttage, aber es ist niemand da, mit dem ich auswandern könnte, denn Hedwig ist jetzt 2–3 Wochen in Waldkirch. Aber im Haus
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| hatte ich gestern ein gutes Zusammensein bei Rösel Hecht, so wie in alter Zeit. Darüber bin ich sehr froh. – Nach Dielbach bin ich noch immer nicht gekommen, es hat nicht geklappt. Aber vielleicht nächsten oder übernächsten Sonntag. Erst habe ich diesen Dienstag d. 26. bei mir die 2 Ehepaare zum Lesen. – Bei Kohlers reißt eben das Kranksein der Kinder nicht ab. Mit Traudel ist gerade wieder eine bessere Epoche, aber Ursel hat andauernd starke Furunkel. Dabei sieht sie sonst so frisch und blühend aus. – Walter Hecht ist auf der Lehrerfortbildungsanstalt in Karlsruhe, kommt augenblicklich zu einem praktischen Kurs nach Hüffenhardt im "kleinen Odenwald", oder besser Kraichgau.
Vor 14 Tagen war ich mal wieder im Kino, den Münchhausenfilm zu sehen. Das war nun wirklich mal amüsant. Man kommt aus einem Staunen und Vergnügen ins andere, und möchte nur immer dahinter kommen,
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| wie das wohl so verblüffend gemacht werden konnte. Wenn Ihr Gelegenheit habt, seht es doch auch mal an. – Für mich war es noch mit einem kleinen Unfall verknüpft. Du kennst ja meine Eile, wenn irgendwo eine Bahn durchgehen will. So stürmte ich auch die Markscheide in Eile hinunter, stolperte und da lag ich – nein, ich flog eigentlich mehr über die rauhen Steine und Nase und Backe mußten daran glauben. Es war aber nichts gebrochen, nur aufgeschabt, auch Hand und Knie – aber weder Strumpf noch Rock hatten gelitten, und das war die Hauptsache. Es hat meine Freude an dem Film nicht eine Minute gestört, aber acht Tage lang sah ich sehr demoliert aus!!
Das ist ja jetzt ein zeitgemäßer Zustand. Nun war Kassel wieder einmal an der Reihe. Was wird denn von den Städten noch übrig bleiben? Und auch die Landgemeinden werden bedacht, da hat es vielleicht garkeinen Zweck, Sachen nach Dielbach zu flüchten. Ich wollte gern all Deine Schriften mit den
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| vielen lieben Dedikationen hinbringen, aber ist das richtig? Und dann: die Briefe bis auf die allerletzten Jahre sind im Tresor der Dresdener Bank am Bahnhof. Ist das nicht beinah gefährlicher als im Privathaus? Ich habe solch Verlangen danach, angeregt durch die liebe Mappe, aus der ich Dir den Auszug schrieb – aber vor allem möchte ich sie gesichert wissen. Sicher ist aber in Deutschland nichts, wenigstens nicht das, war wir wünschen. Bei uns hat es jetzt für Alte und Kinder Luftschutzbetten gegeben, auch unser Haus hat 2 bekommen, davon eins für mich. Der kleine Gang im Keller, so groß wie mein enger Korridor, ist übervoll. Mit Frau Buttmi zusammen habe ichs im Wagen nach Haus gefahren. – –
Irgend jemand wollte wissen, auch Leipzig sei angegriffen worden. Ich habe es eigentlich garnicht gern, daß Du in 14 Tagen dorthin mußt. Aber daß dieser neue Goethevortrag
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| auch gedruckt wird, darüber freue ich mich sehr. –  – Du bist überhaupt ungemein fleißig, und ich denke mir, solche Briefe, wie der mitgesandte, bestärken Dich im Gefühl von der Notwendigkeit Deiner Wirkung. Im ersten Lesen des Briefes hatte ich den Eindruck, daß er nicht zum Ausdruck gebracht hätte, was er eigentlich wollte, denn ich nehme ja nicht an, daß nur der Wunsch nach Lektüre ihn schreiben ließ. Aber dann habe ich allerlei zwischen den Zeilen gesehen, von dem Problem der gegenwärtigen Heimatlosigkeit unter den Menschen, von dem Verlust, den der Verfasser durch den Tod des verehrten Onkels erfahren hat und durch den er sich halb unbewußt, an Dich gewiesen fühlte. Wie fein schildert er das Idyll am Dnjeprknie inmitten der trostlosesten Verwüstung. –  – Das ist nun wieder ein Deutscher mehr, um den man Sorge haben muß. –  –
Du schreibst von etwas Religionsphilosophisch-Christlichem, woran Du arbeitest. Das beschäftigt mich besonders. Es ist ja überhaupt jetzt mehr
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| denn je ein Problem, Glauben (nicht den dogmatischen) und Erfahrung in Einklang zu bringen. Die Kraft der Überwindung ist nicht notwendig immer eine gläubige.
Es ist so schön, wie durch das Auftauchen der alten Mappe in mir wieder die große uranfängliche Linie in unsrer Beziehung herausgehoben wurde. Es ist mir wie eine ungesuchte Bestätigung der Bestimmung meines Lebens; dieser Bestimmung, der ich immer bewußt gelebt habe, und deren Wurzeln bis in jenen Traum reichen um die Zeit Deiner Geburt. – Du bist erstaunt, wie gut Du schon damals den "Sinn" aussprechen konntest. Da ist es wohl kein Wunder, daß ich Dich gleich an jenem 31. August in Deiner Bedeutung erkannte. –
Hast Du denn Zeit gehabt, solch langes Geschriebsel zu lesen? Jedenfalls soll es Dir innige Grüße in immer gleicher vertrauender Liebe bringen. Hoffentlich seid Ihr von nächtlichen Störungen verschont und Ihr habt die sonnigen Tage noch öfters zu Ausflügen benutzt. Grüße Susanne herzlich, ich würde gern auch mal von ihr direkt hören. – AEI
Deine
Käthe.

[li. Rand] Der Brief von Häbler ist wieder besonders hübsch.