Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. November 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Nov. 1943.
Mein geliebtes Herz!
Der Sonntag ist wieder vergangen, ohne daß ich Dir schrieb, denn es ist immer so viel liegengebliebene Arbeit da, die erst beseitigt werden möchte, ehe es Ruhe zum Schreiben gibt. Inzwischen hatte ich zweimal Nachricht von Dir, die mich innig erfreute, erst den Brief und dann die Karte. Für beides danke ich Dir herzlich, denn ich brauche es ja zum Leben, ganz besonders solch ein liebes Wort des tiefen Verstehens.
Von mir kann ich Dir eigentlich nichts erzählen. Gestern bekam ich einen Brief von Georg Malcus, den ich, wie Du weißt, besonders schätze, der mir ganz erschütternde Berichte vom letzten Kasseler Angriff gibt. Von unserem lieben, stillen, vornehmen Kassel ist wohl nichts mehr übrig. Was er von den Flüchtlingseindrücken schreibt, ist genau dasselbe, was wir hier von Mannheim sehen. Alles staut sich in den umliegenden Ortschaften, genau wie Heidelberg übervoll von Mannheimern ist. – "Um den Verkehr zu heben" geht jetzt die Linie 1 der Elektrischen nicht mehr: BahnhofKarlstor. Es verkehrt also nur noch die
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| Bahn WieblingenNeckargemünd durch die Hauptstraße, alle 20 Minuten. Und die soll für kurze Entfernungen nicht benutzt werden. Man muß sich erst daran gewöhnen, daß am Bahnhof die Sache aufhört.– In der Augenklinik hatte ich etwas Arbeit, die auch z. T. noch nicht fertig ist. Es war recht angreifend für die Augen, Curven in schwarzer Tusche auf Milimeterpapier. Ich merkte dabei, daß meine neue Brille eigentlich zu schwach ist. Und ebenso stört es bei einem technischen Versuch mit künstlichen Augen für die ich die Iris in Farben malen soll. Aber Ölfarbe ist zu dick und Wasserfarbe haftet nicht. Natürlich hat es wie immer Eile, aber es muß in Ruhe erprobt werden.
Der Vorstand ist noch immer hier im Stift, aber die Vorsteherin versichert mir, daß eine Umquartierung auf alle Fälle zu erwarten ist. Aenne klagt sehr viel über Angegriffenheit und ist noch immer recht unstät. Sie kann es nicht begreifen, daß sie unter den jetzigen Verhältnissen nicht mit der Elektrischen fahren kann, die ja doch auch für mich allein oft zur Schwierigkeit wird bei der wahnsinnigen Überfüllung.
Am 9. November 18.15 spricht hier in der alten Aula Trautz über Eindrücke in Japan; da will ich wenn irgend möglich, hingehen. –  – In der Zeitung
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| las ich die Anzeige der Vorlesung von Hellpach: "Lebensalter – Menschenalter – Zeitalter" – ob er wohl ebenso gewissenhaft die Quellen angibt wie Häbler?
Am Sonntag denke ich nun endlich mal nach Dielbach zu kommen. Ich überlege noch, wie ich Deinen Rat wegen der Dreiteilung befolge. Das Haus der Bank am Bahnhof ist vierstöckig, also nicht so stark gefährdet im Tresor. Ich möchte vorläufig auch noch etwas Wäsche und ein Kleid mit dorthin nehmen. – Für Bücher und Briefe habe ich auch einen Karton bereit stehen. –
Die 2 Ctr. Kartoffeln von Dielbach, die nun schon 11 Tage abgeschickt sind, trafen hier noch nicht ein. Und ebenso warte ich mit Besorgnis auf die Meldung von der Ankunft der Quitten. Denn wenn sie auch nicht sehr empfindlich sind, schließlich können sie auch nicht wochenlang in der Schachtel bleiben. Oder ob sie etwa unterwegs abhanden kamen?
Mit dem Goethebuch geht es mir hier übel. Der Buchhändler, bei dem ich immer kaufte, ist beim Militär. Die weibliche Bedienung ist sehr unzugänglich. Bestellungen nehmen
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| sie grundsätzlich nicht an. Sie wären ganz abhängig von der Zuteilung und die wäre immer sofort verkauft. Bekommen hätten sie ein Exemplar vom Inselverlag. In einem andern Laden hatten sie 5 Bücher vom Inselverlag, aber nicht das Deine. Ich werde also wohl ganz auf die 2 Exemplare durch Deine Güte angewiesen sein. – Wie sehr ist zu wünschen, daß da mal wieder andre Verhältnisse eintreten, und daß dann auch das religiöse Buch erscheinen kann, das dieser Zeit des Weltuntergangs so not tut. Es ist schade, daß ich mich nicht auch durch Abschreiben nützlich machen kann. Dafür reichen meine Augen noch aus und der schwache Kopf vielleicht auch. –
In Hardenberg modifiziert vielleicht der Schulrat Gans seine Theorieen. – Schade, daß Ihr nicht vorläufig dort bleiben konntet! Deine vielen Vertragspläne etwas reichlich. Warum mutest Du Dir das im Semester noch zu? – Hoffentlich bliebt Ihr in letzter Zeit so verschont wie wir hier. Viel treue Grüße in stündlichem Gedenken!
Deine
Käthe.

[li. Rand] Herzlichen Gruß auch an Susanne, die hoffentlich mit den Quitten nicht Last hat, –  – wenn sie überhaupt ankommen. Ich möchte <li. Rand S. 3> wohl gern mal erfahren, ob man Euch Expreßgut schicken könnte? Das soll am schnellsten gehen. –  – Und die Weinkiste wird, sobald sie kommt <li. Rand S. 2> zurückgehen. 3 Flaschen sind bereits im Keller, die vor dem Frost zu Dir möchten. –  – "Der Nebel steigt, es fällt das Laub – schenk ein den Wein, den <Fuß S. 2> holden –"
[li. Rand S. 1] Heute ging ein Päckchen: Erdgeist und Dextropur (das letzte) ab.