Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. November 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Nov. 1943.
Mein geliebtes Herz!
Wenigstens ein kleines Briefchen will ich heute abend noch schreiben, damit Du nicht etwa denkst ich wäre bei der Fahrt nach Dielbach verloren gegangen. Ich habe sogar nicht einmal einen Katarrh mitgebracht, sondern nur liebe Eindrücke. Aber eine Sache ist heutzutage selbst solch kleine Fahrt und ich hoffe nur, daß Eure Reise nach Leipzig vornehmer ausgefallen ist. Und dann möchte ich auch, daß der drohende Schnupfen sich wieder verzogen hat! – In Dielbach fand ich diesmal die Jüngste, das verwöhnte Bärbel, mit einem verstimmten Magen vor, es besserte sich aber rasch. Dagegen ist der Zustand von Traudel zunehmend schlechter. Die Pausen zwischen den Anfällen werden immer kürzer und auch der Zwischenzustand ist alles andere
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| als normal. Dabei hat sie leider selbst das Gefühl davon und sagte neulich in meiner Gegenwart: Ihr habt es alle besser im Leben als ich. Und die hiesige Tochter Ursel hat eine Kette von Furunkeln, die sie immer wieder ans Bett fesseln, sodaß sie sehr häufig ihren Dienst in der Apotheke versäumt. So haben die Eltern eben drei invalide Töchter gehabt. Aber trotzdem ist immer ein behagliches und ruhiges Leben im Haus und man fühlt sich wohl dort. Natürlich war aber schlechtes Wetter, nasser Schnee am Sonntag, sodaß an Spazierengehen nicht zu denken war. –  –  – Von den dort deponierten Sachen ist vorläufig wirklich wichtig nur das Päckchen mit den Japanbriefen. Das andere ist Wäsche und der Wintermantel, den ich vermutlich bald gegen den Regenmantel umtauschen werde. Wenn man so hört, daß auch die Landgemeinden heimgesucht werden, dann zweifelt man immer wieder, ob es überhaupt ratsam ist, Sachen dorthin zu bringen.
Im Stillen wappnet man sich auch beständig,
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| um möglichst auf alles gefaßt zu sein. Es ist nur noch etwas Anderes, solange es bloß Idee ist! Aber ich finde es einen Akt der Notwehr, daß man sich nicht von der Sorge um das drohende Unheil zermürben läßt. Wie oft hast Du citiert: "zu haben als hätten wir nicht" – nun heißt es: auch so handeln. – Was nun den Vortrag von Trautz angeht, so hätte ich, aber ich habe ihn nicht gehört – leider. Ich hatte mich richtig darauf gefreut. Aber ich war durch die kleine Reise etwas aus dem Zusammenhang gekommen und [über der Zeile] habe mich um einen Tag geirrt. So war es vorbei, als ich Frau Buttmi dazu abholen wollte. Sie hatte ihn auch versäumt, aber den Irrtum schon bemerkt. Schade!
Sonst hat sich nichts ereignet. Allerlei Briefe bekam ich. Von Mädi mit Bildern der Kinder zur Ansicht. Ebenso von Günthers Frau Lucie (gen. Lux) Bildchen von der Tochter Helga, und auf zweien davon auch den Vater,
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| der recht elend und gealtert aussieht. All solche Bildchen werden jetzt zurück erbeten, da keine Dublikate da sind. Aber Lux schickte auch einen Kuchen als Dank für rosa Babywolle, die ich ihr gesandt hatte. Das finde ich sehr lieb von ihr, denn Eßbares sollte doch jetzt jeder selbst behalten. – Von Walther kam auch ein Bericht über die Vernichtung von Kassel. Wir haben es ja ähnlich in der Nähe, aber das geht mir doch besonders nahe. Heute sprach ich auch mit Fräulein Mathy davon, die ebenfalls jahrelang dort lebte und die schöne Stadt liebte. –
Abends ist eben meine Lektüre die Biographie von Helmholtz, die mich ganz eigenartig zurückversetzt in die Zeit der Weltanschauungskämpfe. Und dann dachte ich auch an die Rappenterrasse: Kohler, Koenigsberger, Kerschensteiner!! Weißt Du noch?
Für heut also Schluß, damit der Brief morgen früh um 6 aus dem Kasten abgeholt wird. Am 5. schickte ich die 3 Flaschen Weinx [Kopf] xes ist eine feine Sorte. wieder als Postgut. Mögen sie gut ankommen! Und nun noch viele, viele innige Grüße.
<li. Rand>
Deine Käthe.