Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. November 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Nov. 1943.

[von fremder Hand] erhalten 7 XII.
Mein geliebtes Herz!
Aufs tiefste beunruhigt durch die Nachricht vom gestrigen Angriff auf Berlin hoffe ich, bald von Dir zu hören. Ich weiß ja, daß man nicht telefonieren soll, sonst täte ich es gern. Schon vorige Woche wurde von einem Angriff auf die Reichshauptstadt gesprochen, aber seitdem kam von Dir noch keine Nachricht. Heute nacht habe ich mal wieder – wie in letzter Zeit häufig, sehr lebhaft von Dir geträumt. Aber es war etwas von der Unerreichbarkeit der gegenwärtigen Lage dabei. – Wachend habe ich dagegen Deine Liebe und Güte wieder sehr lebhaft empfunden durch die 3 schönen Goethebücher, die Susanne so sorglich verpackt hatte, und die 400 M, die pünktlich auf der Sparkasse eingetroffen sind. Eigentlich hättest Du aber kein
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| Geld schicken sollen, denn es ist so unnötig viel auf dem Sparkassenbuch, daß es mir fast peinlich ist wegen der Unterstützung durch die Berliner Stiftung. Und wer weiß, ob es wertbeständig bleibt?! Auf alle Fälle aber danke ich Dir von Herzen und auch Susanne für ihre Mühe.
Wir hatten auch hier mehrfach Alarm, öfters um die Mittagsstunde, aber in der Nähe geschah nichts. Dagegen ist Mannheim – wie ich neulich schon schrieb – wieder sehr gründlich heimgesucht worden. Man wollte wohl die Probe machen auf die Prophezeiungen der Leyschen Rede.
Daß Du Beutlerx [li. Rand] x Seine Berichte von Kassel können die Wirklichkeit kaum erreichen, es ist eine absolute Vernichtung. in Leipzig sahst, hat mich interessiert. Aenne bekam als Mitglied der Goethe-Gesellschaft eine Einladung zu einem Vortrag von ihm und ich freute mich schon, sie zu vertreten. Da stellte sich heraus, daß dieser Vortrag in – Straßburg stattfinden [über der Zeile] wird, Schmitthenner ladet dazu ein, der Minister.
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| Auch in Straßburg haben sie lebhafte Luftbesuche, wie Maria Buttmi erzählte, die dort als Schaffnerin eingesetzt ist. Es ist seltsam, wie die jungen Mädchen der besseren Kreise jetzt so schonungslos in den Wirbel des öffentlichen Lebens gestellt werden.
Inzwischen war ich viel mit den Töchtern Wille zusammen, die den Haushalt auflösen, damit die Wohnung wieder bezogen werden kann. Es ist günstig, daß ein Verwandter von Gunzerts, der auf einem Mannheimer Amt tätig ist, hineinziehen kann. Er ist bereits 4x ausgebommt. Hoffentlich zieht es die Bomben nicht noch weiter an! –  – Das Heim vom Vorstand richtet sich jetzt ernstlich auf den Abtransport. Aber noch ist nicht bekannt, wohin?! Es wird auch für mich viel Arbeit geben. Und ich komme doch mit meinen eigenen Sachen nicht vorwärts, war noch nicht
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| wieder in Dielbach. Und in diesem Zusammenhang wollte ich Dich auch noch fragen: Wie soll ich es mit den zwei großen Briefumschlägen halten, die Du mir schicktest? Wäre es ratsam, sich auch nach Dielbach zu geben? Solange ich heil bin, würde ich sie ja gut behüten, aber wer steht dafür, daß ich immer dazu imstande wäre? Jedenfalls ist die äußere Situation für jeden vorkommenden Fall in Dielbach weniger kritisch. –
Wir beide finden uns auch diesmal wieder in gleicher Stimmung zusammen. Rückschauend wird uns das Leben zum sinnvollen Ganzen, zum Bekenntnis unseres Ich, durchleuchtet von einer höheren Bestimmung, das kann nicht mehr verloren gehen. Mögen auch die Stätten dieses Lebens vernichtet werden. –  – Ich denke aber trotzdem mit Sorge an Dich und grüße Euch beide mit guten Wünschen.
In Treuen
Deine Käthe.