Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. November 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.XI.1943.
abends.
Mein geliebtes Herz!
Wie dankbar bin ich Dir für all Deine lieben Briefe, die mir immer von neuem Beruhigung in all der Sorge brachten. Alle 4, vom 22. 23. 25. u. 27. sind sehr rasch bei mir gewesen, die beiden letzten zugleich, heut am Montag vormittag. Ganz besonders danke ich noch dafür, daß Ihr Aennchen aufgesucht habt, denn direkt habe ich noch nichts, und es hat mich sehr beunruhigt. Das Schlimme ist nur, daß es einem erscheint, wie in ein Faß ohne Boden geschöpft, denn was kann alles bereits wieder geschehen sein bis die gute Nachricht ankam! – In Gedanken bin ich mit Dir den trostlosen Weg zur Universität gegangen und ich sehe alles vor mir, wie es war. Denn es ist ja damit wie in Kassel: Berlin ist nicht mehr. Genau so beschrieb mir Georg die Eindrücke von dem Angriff dort am 21.X. Und Walter schrieb ebenso: Kassel ist nicht mehr. Ich schickte Dir die Briefe nicht, weil ich Deine Phantasie nicht mit diesen Bildern
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| belasten wollte, die mich Tagelang verfolgten, und nun hast Du sie also in Wirklichkeit. Ich leide darunter, hier so abgeschnitten in der Fremde sein zu müssen, denn es ist doch meine Heimat, die da zu Grunde gerichtet wird; – meine Heimat und alles was mir lieb ist, ist in unerreichbarer Ferne. – Immer fallen einem noch andre Menschen ein, für die man Schlimmes fürchten muß, so z. B. Hanna Virchow. Ihr seht ja Meineckes häufiger, da denkst Du vielleicht gelegentlich mal daran nach ihr zu fragen. – Die Versicherung von Aenne: es wären alle gesund, bezieht sich hoffentlich auch auf Hermanns Tochter Irmchen, die im Robert-Koch-Krankenhaus Röntgen-Assistentin ist. –  – Henrichs wohnen auch in einem oberen Stockwerk. – Dann ist der Sohn von Heinrich Eggert, der ein Bein verlor, jetzt Arzt in Berlin und sein Vetter Walter Fürst arbeitete bei Borsig. So nimmt die Zahl derer, die man in Gefahr weiß, kein Ende.
Sehr herzlich bedaure ich auch Frl. Rauhut.
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| Ein Schenkelhalsbruch ist immer etwas sehr Mißliches und noch dazu ein komplizierter. Wie arg aber ist es bei diesen Zuständen hilflos dazuliegen! –  – Wer der "Faber" ist, von dem Du mehrfach schreibst, ist mir leider nicht deutlich. Wo ist er zuhaus?
Bei uns ist jetzt ausgesprochen schlechtes Wetter, Sturm und Wolkenbruch. Hoffentlich gibt es da wenigstens keine Einflüge. Wohnt Frl. v. Kuhlwein nahe am Höfenplatz? oder welche Brücke ist es gewesen? –
– – Die beiden Schwestern Wille sind am 26. hier abgereist, um über Stuttgart, wo in der Nähe der Sohn von Elsbeth Gunzert mit amputiertem Unterschenkel im Lazarett liegt, nach Berlin zurückzufahren. Da haben sie vermutlich dort einen Angriff und in Berlin keine Einfahrt gehabt. Und ob noch eine Wohnung?
Mit dem Transport des Landfriedstiftes ist es noch nicht so eilig, es kann auch über Weihnachten dauern. In Frage ist Baden-Baden und – Überlingen. Aber vielleicht wirds ja
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| auch noch was ganz Anderes.
Deine genaue Beschreibung Deines Weges bringt mir all die Eindrücke so greifbar nahe, als wäre ich mit Dir gegangen und ich bin wie betäubt in ratloser Ohnmacht. – Ich bin froh, daß Du die Vorlesungen abgesagt hast, – und wie steht es mit Neu-Hardenberg?
Von Hermann kam heut ein Brief zugleich mit den beiden von Dir. Unwillkürlich riß ich ihn zuerst auf in der Befürchtung, er könne Ungutes über Ruges enthalten. Ich merkte aber gleich, es war garnichts Derartiges und so las ich dann erst Deine lieben Briefe und hatte auch gleich die Beruhigung. – Das Schreiben von Hermann aber ist wieder ganz der alte, wunderliche Kerl. Voller Verstimmung über sinnlose Verfügungen, die er einzeln erzählt, sucht er sie doch wieder zu entschuldigen und sich in der Zuversicht zu behaupten. Keine Klarheit des Zusammensehens, kein Zuendedenken!
Es ist ja so, daß wir im Tage leben müssen, als ob es immer so weiter ginge, aber das kann uns doch über die Situation im Ganzen nicht täuschen! – Nur etwas bleibt immer gleich und das ist der Trost und Halt auch in diesen Tagen. Und in diesem Geiste grüße ich <li. Rand> Dich und Susanne.
Deine Käthe. Gott behüte Euch!

[li. Rand S. 1] Frau Buttmi ist ernstlich krank: drohende Lungenentzündung u. schwaches Herz.