Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Dezember 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Dez. 1943.
Mein liebes Herz!
Zwei liebe Briefe hatte ich wieder von Dir, vom 1. u. 2. Dez. – und doch muß ich schon wieder mit Sorge warten. Es ist so unnatürlich und qualvoll in solchen Tagen ständiger Gefahr so fern sein zu müssen. Du läßt mich durch Deine lieben Briefe ja gewissen Anteil nehmen, aber was liegt dann schon wieder dazwischen, bis es zu mir kommt! –  –  – Auch wir hatten am Sonnabend um 4 Uhr früh Voralarm, der in Vollalarm überging; ich zog mich an und legte mich aufs Bett, hörte dann in der Ferne schwach schießen, schlief aber ein, da nichts weiter erfolgte; bis mich das Abblasen wieder weckte. Man hofft vergeblich, daß in solchem Fall [über der Zeile] wenn es hier warnt, die Gefahr sich eine andere Gegend ausgesucht habe. [über der Zeile] als Berlin. – Man hofft überhaupt, obgleich der Vorstand sagt, daß es eigentlich Unsinn ist, denn wenn die Scylla vorüber ohne Schaden zu machen, vorüber ist, dann kommt die Charybdis.
Ob Du den Sonntagsvortrag halten konntest? Ich bekam gerade rechtzeitig die Einladung und dachte Deiner lebhaft, obgleich ich ja eigentlich beständig
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| an Dich denke. Deine Nachrichten beschäftigen mich fortwährend und tausend Fragen schließen sich an. – Schon in Königstein hatte ich die Zeit vorausgesehen, wo wir mit Kleidern zu Bett gehen würden, und doch ging noch ein Jahr darüber hin, bis es so wurde. Und nun war es dies letztemal solch ausgefallene Zeit, sodaß Ihr vermutlich schon geglaubt habt, die Gefahr sei einmal wieder vorüber. Jetzt wird vermutlich auch die U-Bahn nicht mehr bis zum Fehrbelliner-Platz fahren. Was soll das eigentlich mit der Fortführung der Universität? Da ist wohl auch Tendenz dabei. – –
In der Bunsenstraße erfuhr ich, daß Gunzerts in der Günzelstraße ausgebombt sind und womöglich in die Wohnung der Mutter hier ziehen wollen. Ob es erlaubt wird? Sie konnten Sachen retten.
Der Vorstand hatte gestern, als sich sie besuchte, einen Hexenschuß und lag zu Bette. Drum war ich auch heute wieder bei ihr, aber es hatte wenig Zweck; denn als ich kam, war das Mädchen von Frl. Schupp da, sich nach dem Befinden zu erkundigen; als sie ging, kam Frl. Meier, die im Hause wohnt, und blieb und blieb. Als sie endlich fort war, kam eine alte, fast taube Mitbewohnerin, und kaum war sie weg, erschien Frau Ruppert mit Tochter,
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| die Aenne von der Zeit ihrer sozialen Fürsorgetätigkeit kennt. Ich räumte halt ein wenig auf im Zimmer; aber dazu hätte ich nicht extra in die Stadt zu kommen brauchen. – Schließlich hat mich aber dieser letzte Besuch auf einen Gedanken gebracht. Die beiden Frauen erzählten, daß ein Herr gestorben ist, der jahrelang bei ihnen wohnte und den sie zu Tode gepflegt haben. Vielleicht könnte nun Aenne bei ihnen untergebracht werden. Ich werde gleich morgen früh die Sache ergründen und die verschiedenen Instanzen befragen: Mehners, Rupperts, Aenne selbst, die sicher sehr begeistert ist. Es ist aber keine leichte Aufgabe, das werde ich den Leuten sagen. Doch das war der alte Herr auch nicht und sie haben ihn so treu versorgt und sind so traurig.
– Du fragst nach dem Gelde, mein Liebling. Ich hatte Dir schon davon geschrieben, Dir gedankt und gesagt, daß mirs eigentlich zu viel ist, weil es sich auf der Sparkasse summiert.
Annemarie Böttcher schreibt aus der Neuchateller Straße: sie wären in Lichterfelde wie auf einer Insel des Friedens, so sagten wenigstens ihre Bombengeschädigten. Das wird
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| nun nach Deinem Bericht wohl vorbei sein.
Wie habt Ihr denn die Unterbringung der Einquartierung geplant, wenn Ihr drei Zimmer hergeben sollt?! Hörtest Du etwas über Leipzig? Und was wird unser armes Berlin wieder gelitten haben?
Uns geht es noch unerhört gut. Am Sonnabend war ich bei Drechslers zum Kaffee, beim Geburtstag der Tochter. – Mit dem Gemüse ist es aber auch bei uns knapp in diesem Winter und ich bin froh, daß ich einen kleinen Vorrat grüne Erbsen getrocknet habe. Das ist immerhin mal was andres als Kartoffeln. Außerdem gibt es augenblicklich noch Lauchgemüse, das ich früher bestimmt abgelehnt hätte. Man lernt die Wahrheit des Kraftworts kennen: "Hunger treibts rein", und man ißt es sogar gern. –  –
Frau Buttmi ist noch immer recht krank, aber doch in der Besserung. Es hat sie sehr mitgenommen, seit nicht mehr alles so nach Wunsch bei ihr ging. –
Für heut gut Nacht, mein liebstes Herz, gute ungestörte Nachtruhe wünsche ich Euch. Grüße Susanne herzlich. Dir viel Liebes von
Deiner
Käthe.