Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Dezember 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.XII.43.
Mein geliebtes Herz!
Den Wunsch, gestern abend einen besinnlichen Weihnachtsbrief zu schreiben, hat mir ein kräftiger Alarm leider vereitelt. Noch dazu mußte ich ihn im Heim beim Vorstand abwarten, denn er setzte auch hier nicht lange nach 7 Uhr ein. Es galt offenbar Mannheim oder seinen Vororten, aber die Erschütterung war auch hier kräftig, sodaß die Türen tüchtig schütterten. Obgleich ich den Vorstand mehrmals darauf aufmerksam machte, hat sie nichts gemerkt, bis jemand aus dem Hause kam und davon sprach. Da war sie auf einmal eifrig, Strümpfe etc. anzuziehen, denn sie liegt noch immer ziemlich schwer beweglich im Bett. Wahrscheinlich wird sie nicht mit dem Transport, der nach Niederbronn ins Elsaß gehen soll, mitgenommen, sondern – wie man sagt – mit noch anderen Kranken ins St. Anna-Spital kommen. Das wäre dann recht ärmlich!
Daß ich wieder so geschwind, schon am Sonntag, Nachricht von Dir (und auch von Ruges) hatte, war mir eine große Beruhigung – für den Augenblick! – Aber was Du meldest von all den Geschädigten ist nicht angetan, weihnachtlich zu stimmen, und am wenigsten trägt dazu bei, was über Dein Befinden zwischen den Zeilen steht. Damit Du nicht allein Schmerzen leidest, habe ich mir seit einigen Tagen
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| einen leichten Hexenschuß zugelegt, den ich mit Aspirin und dem geliebten Katzenfell mehr oder weniger erfolgreich bekämpfe. Aber bekanntlich kann Weihnachten nicht stattfinden, ohne daß man mit der Zeit ins Gedränge kommt und so ist auch diesmal noch vieles nicht geschehen, was ich gern tun wollte, ja – wofür mir überhaupt noch die Gedanken fehlen! – Aber was ich immer in Gedanken hatte und wofür ich wohl schon 15x im Laden war, wo man mirs fest versprochen hatte, das ist der Wochenkalender. Die Eisenbahnsperre hätte den Transport verzögert, aber es stände alles schon abgangsbereit da, und so hoffe ich ja, folgt auch die Weitersendung zu Dir bald.
Euer Weihnachtsabend wird auch ganz anders sein als gewohnt, nicht nur durch die Gedanken, die ihn begleiten. Mich hat Frau Buttmi gebeten, mit ihr und Gunhild zusammen zu sein, und ich glaube, daß ich ihr damit einen Gefallen tue, sonst wäre ich lieber allein geblieben. – Für meine Zimmerecke habe ich wieder (mit 20 Minuten anstehen) schöne Edeltannenzweige, und – wenn irgend möglich, will ich dem Vorstand ein kleines 3stöckiges Bäumchen bringen, das mir Rösel Hecht gab, falls ich diesmal meinen üblichen Wandschmuck nicht kaufen könnte. –
Trotz unermüdlichen Nachfragens habe ich kein Exemplar Deines Goethebuches hier bekommen. Die drei, von Dir so großmütig mir überlassenen teile ich nun in Gedanken immer wieder anders
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| aus. Feststehend ist mir nur, daß eines davon der Professor Serr und seine allerliebste Frau haben müssen, der mich umsonst behandelte und der mir für eine Zeichnung, die ich s. Z. für ihn machte, voriges Jahr ein schönes Werk über spanische Maler schenkte. – Und eins bekommt Rösel – das dritte und letzte aber –  – das wird sich noch entscheiden müssen. Kohlers bekommen die Jugendpsychologie, die Du mal dem Vorstand schenktest und die jetzt aus ihrem Bücherschrank an mich zurückkam. Es ist etwas Krasses, wenn ein Hausstand aufgelöst wird, ehe der Betreffende tot ist. Und so elend der Vorstand auch augenblicklich ist, so wird sie sich doch gewiß wieder erholen und weiter leben; es ist ja nichts Bedenkliches, und sie ist so lebenszäh.
Mit Hedwig Mathy las ich beim letzten Zusammensein den außerordentlich feinen Aufsatz über die geistigen Energiequellen im Kriege, für dessen Übersendung ich Susanne herzlich danke. Die Verschiedenheit der Grundeinstellung in der geistigen Verfassung von Europäer und Japaner scheint mir sehr klar und lebendig gezeichnet. Und die Bemerkung über die "verborgenen Wahrheiten" ist sehr bedeutungsvoll. Es ist übrigens auch wirklich mit manchen Dingen so, daß man sie tötet, wenn man sie ans Licht zieht. Es ist etwas unendlich
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| Feines und Schönes um das Gefühl, das sich vor dem Worte scheut. Du sprachst mir ja auch vor kurzem davon! Aber doch möchte man auch wieder das mitteilen können, was das Herz bewegt. Du weißt es ja ohne Worte! Mit diesen Gedanken werde ich wie immer noch besonders in dieser Festzeit bei Dir sein, der Zeiten gedenkend, in denen auch ein Wiedersehen diese Tage verschönte und in der Gewißheit ruhen, daß auch in der äußeren Trennung die unlösliche Gemeinschaft glücklich macht.
Die beiden kleinen Päckchen werden Euch zeigen, daß ich Eurer gedachte. Heute noch einmal herzliche Grüße Euch beiden. Möchten meine treuen Wünsche weiter Euer Haus schützen helfen und Ihr mit denen, die darin Zuflucht fanden, stille Tage verleben können.
Die Liebe leuchte uns in dieser dunklen Zeit!
Innig und treu
Deine
Käthe.

[Fuß, von fremder Hand] 28.12 erhalten