Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./27. Dezember 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Dezember 1943.
Mein geliebtes Herz!
Der Weihnachtstag kann nicht hingehen, ohne daß ich Dir wenigstens einen sichtbaren Gruß sende. Wann er Dich erreichen wird, ist ja nicht zu berechnen. Von Dir hatte ich die letzte Nachricht am 19., geschrieben am 17., gleichzeitig mit einer Karte von meiner Schwester. Jetzt ist man nun wieder in Angst wegen des erneuten Terrorangriffs vom 23. [über der Zeile] 24 – Noch hörte ich nicht, welche Stadtteile davon betroffen waren. –
Man lebt eigentlich immer in einer Art seelischer Narkose, denn wäre ständig die volle Empfindung wach, so könnte amn es nicht ertragen. – Wenn ich zurückblicke auf die Jahre in Kassel während des Weltkrieges, mit welcher leidenschaftlichen Unruhe
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| wartete ich auf jeden Brief von Dir und wie wenig positiver Grund dazu lag damals vor! Bin ich so viel kälter mit dem Alter geworden? Ich glaube vielmehr, daß man mit der Zeit nur immer mehr Abstand von den äußeren Zufällen des Lebens gewinnt und immer größere Gewißheit und Nähe zu den – "Resultaten des Lebens".
Daß auch Du, mein geliebtes Herz, in diesen Weihnachtstagen Ruhe finden mögest in diesem unzerstörbaren Besitz, das ist mein inniger Wunsch. Und auch äußerlich möchte ich hoffen, daß Ihr von den aufreibenden Aufregungen verschont [über der Zeile] geblieben werdet. Aber als es vorgestern nachts beim Alarm so absolut still bei uns blieb, fürchtete ich gleich für Berlin. Trotzdem schlief ich völlig angezogen gleich wieder ein, nur durch das Abblasen nachher kurz gestört. Wie man hört, haben auch Aachen und Heilbronn dabei etwas ab
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|bekommen. Es ist merkwürdig, wie rasch immer die Kunde von Mund zu Munde läuft.
Den heiligen Abend verlebte ich also diesmal anders als sonst, da Frau Buttmi mich ausdrücklich bat, ihnen Gesellschaft zu leisten. Es war dann auch ganz gemütlich, mit echt süddeutschem Nachtessen, (nur selbstgebackene Blechkuchen und Tee) dann ein Weilchen beim brennenden Weihnachtsbaum.
Heut bei Schoepffers war es dagegen opulent, (Rehbraten, Rotkohl und Maronen) – tadellos wie im Frieden. Aber auch das Zusammensein war friedensmäßig und hübsch.
Unter meinem sogenannten Bäumchen liegen Briefe von Hermann, Aennchen, Walter, Mädi, Cilli Oesterreich. Auch die Europäische Revue habe ich hingelegt und das liebe Goethebuch. – Die drei Exemplare zum Verschenken sind nun untergebracht. Otto Kohler hatte die Jugendpsychologie schon,
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| da bekam er den dritten Goethe. – Rösel hat sich ganz besonders darüber gefreut, und es ist jetzt wieder zwischen uns alles klar und gut.
Der Brief von: Mädi ist vom 3.XII.!!, und nun erfahre ich durch meine Schwester, daß inzwischen Mädis Häuslichkeit völlig zerstört ist. In der Eosanderstraße stehe kein Haus mehr. Ist das nicht schrecklich? Wie tapfer hat sie sich durch alle Schwierigkeiten ihre jungen Ehe durchgekämpft und nun dies. Und täglich kommt dies Schicksal über Unzählige. –
Wieder habe ich den Plan gefaßt für ein paar Tage über Sylvester nach Dielbach zu gehen. Sollte aber die Nachricht aus Berlin so lange ausbleiben, dann gehe ich nicht von hier fort, denn mit dem Nachsenden ist das jetzt zu riskant. – / – Und nun, am 27., wo ich nach einem lebhaften Tag mit Mutter und Tochter Drechsler, der 11jährigen Enkelin und den 2 Froelichschen Kinder aus dem Haus zum Kaffee und kindlichen Spielen – <li. Rand> den Schluß schreibe, habe ich beschlossen, jetzt überhaupt nicht nach Dielbach <li. Rand S. 3> zu gehen. Ich fühl mich nicht unternehmend genug.
<li. Rand S. 1> So will ich nur noch mit herzlichen Grüßen diesen Brief schließen. Du weißt all das Ungesagte, nicht in Worten <Fuß S. 1> zu Sagende, was für Dich jetzt und für 1944 auf dem Herzen habe! Grüße auch Susanne vielmals. – In Treue
Deine Käthe.