Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Januar 1944 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>

2.I.44.   ½ 11.
Mein innig Geliebtes!
Wieder eine aufregende Nacht! Und bei Euch: MannheimLudwigshafen!
Heute früh um ½ 3 kam Alarm. Wir 5 (mit Mädchen v. Glas. und Emma Rauhut) waren noch nicht im Keller, da begann schon um ¾ 3 das Schießen. Ziemlich zu Anfang eine mächtige Detonation, obwohl nicht so stark wie neulich bei der Luftmine in die U-Bahn. Wir warteten die üblichen 40 Min. Durchflug ab. Dann ging Ida nach oben und kam mit dem Ruf zurück: "Das Nebenhaus (Küpper) brennt." Sie mobilisierte den Löschtrupp gegenüber, der noch im Keller saß. Als ich hinausging stand der ganze Garten von Kilians (hinter unsrem) in Feuer, mit ständigen Explosionen, Garben und Phosphorschein. Das
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| Küpperhaus brannte (noch maßvoll) an der Dachseite, die zu Kilians hin liegt. Nun kam Henning mit der von Leuten gezogenen Dampfspritze des Museums vor unser Haus an den Hydranten. Aber – das Anschlußstück fehlte! Hutzelwaldscenen! Gottlob wurde von Lichterfelde her sogleich danach ein grelles Licht sichtbar: die große Feuerwehr. Es wimmelte plötzlich von Selbstschutzkräften und Berufsfeuerwehr. Auch das Kiliansche Haus brannte bis in den Keller auf der Gartenseite, aber nicht stark. Es wurden 2 Schläuche durch unsren Garten gelegt. Währenddessen, gegen ¾ 4, die Entwarnung; rings große Feuerscheine. Susanne blieb mit der Feuerspritze auf unsrem Dach, wegen der Gefahr überspringender Funken. Morgens hatte es stark geschneit; jetzt fiel ein kräftiger Regen, und der Wind stand ein wenig von unsrem Hause weg. Anfangs wurde behauptet, dann wurde gewiß: In den Kilianschen Garten war ein feindliches Flugzeug gefallen (wahrscheinlich ein Jäger.)
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| Benzin und leichte Munition (Gottlob keine schwere) brannten und explodierten ohne Pause. Nun ging man mit der Motorspritze von außen an das Küppersche Dach. Ida half die ganze Zeit von innen löschen, was aber wegen der Dachkonstruktion <Zeichnung: seitl. liegendes Dreieck mit x in der Mitte und Pfeil Richtung x> mit Hohlraum x [darunter mit Pfeil nach oben] Holz! am Rande ganz aussichtslos war. Erst um 6 Uhr morgens fuhr die Feuerwehr ab.
Bei uns nicht 1 Fensterscheibe neu geborsten; nicht einmal die Fichten sind angebrannt. Die mächtige Propellerstange liegt vom Kilianschen Garten bis in unsren hinüber. Der erstere sieht heute aus wie eine Schrottstelle. Auch bei uns liegen ein paar Einzelteile. Ich sitze an m. Schreibtisch und sehe rechts das zerstörte Dach des Nachbarn. Gott behüte vor Feuer, aber ebenso vor den Wassermassen der Feuerwehr!
Wir hatten nach dem Datum u. der Wetterlage mit keinem Angriff gerechnet. Wir alle, besonders Ida, waren von den Nachwirkungen des 29. noch angegriffen. Denn wir hatten am 30. die eine der obdachlosen Schwestern Rauhut zu uns
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| geholt. Schrecklicher Anblick der Häuser in der Margaretenstr. Klara saß in einer Parterrewohnung nebenan am Herd; hatte bis dahin gelegen. Ich holte einen Krankentransportschein von ihrem Arzt, ging zum Parteichef des Blocks, der sein Versprechen erfüllte und sie noch am gleichen Tage vom Krankenwagen abholen ließ. Aber ein Krankenhaus war überfüllt, in ein anderes wollte sie nicht, und so – fuhr der Wagen um 20 Uhr bei uns vor u. setzte sie ab. Man fürchtete neuen Alarm. Hennings trugen sie zu sich hinunter, wo sie auf der Chaiselongue bleiben konnte.
Aber ich erklärte, daß ich unter keinen Umständen einen bewegungsunfähigen Menschen jetzt im Hause behalten würde. Der Energie Susannes gelang es, tatsächlich zu erreichen, daß noch am 31.XII. ein Krankenwagen vom Roten Kreuzx) [re. Rand] x) nicht ganz billig. kam und die Klara zu ihrem Neffen nach Eichwalde brachte. Am 30. 31. 1. und auch heute hilft die gute Ida in der Margaretenstr. bergen und zieht, manchmal im Schneesturm, mit dem Handwagen hin und her. Nun auch noch diese Nacht!!
<li. Rand> Gestern Nachm. suchten wir in ihrer Trümmergegend die 82jähr. Franziska Lehmann auf; sie ist bei lieben Menschen, erzählte aber Erschütterndes.
<re. Rand S. 1>
Bleibe gesund u. sei innig gegrüßt. Dein Eduard, der "sehr gesammelt" an s. Akademievortrag arbeitet.