Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Januar 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 17.I.44.
Mein innig Geliebtes!
Nun habe ich meine Kutschfahrt mit Hansjakob beendet. Interessiert haben mich daran nur die auch von uns durchwanderten Gegenden; aber wir haben sie doch mit viel mehr Poesie erlebt, als dieser alte, im stillen sehr eingebildete, nervöse geistliche Herr. Immerhin atmeten die Abendstunden mit Hansjakob – Frieden.
Bei dem Vorstand scheint die Auflösung in derselben Art zu kommen, wie bei meinem Vater. Hoffentlich bleibt ihr ein eigentliches Leiden erspart; der Mensch darf nicht zu alt werden, besonders in dieser Zeit, die so viel Kraft fordert.
Durch Assoziation drängt sich bei dieser Gelegenheit hinzu: die Wohnung der Benary
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|frauen
, die ja seit Jahren in Possenhofen leben, ist zerstört (Nürnbergerstr. 66.) –  Eulenburg ist mit 77 Jahren gestorben. Penck, dessen Wohnung mindestens sehr mitgenommen war, ist selbst unbeweglich; auch seine Frau hat neuerdings einen Schlaganfall gehabt, so war es eine Freundlichkeit, daß man die hilflosen Leute aus Berlin fortgebracht hat.
Ich habe am 6.I. meinen Akademievortrag ("Zur Entstehungsgeschichte der deutschen Volksschulen") gehalten. Wir tagen jetzt im Luftschutzkeller. (NB. Wolfg. Scheibe, unser Nachbar, hat eine "Geschichte der deutschen Erziehung" drucken lassen; ich kann so etwas nicht lesen, habe aber gegen das völlig Falsche, das darin über mich gesagt ist, protestiert und um Berichtigung gebeten). Die Vorlesungen, jetzt im Hauptgebäude, haben sich erträglich wieder eingespielt, mit 250–300 Hörern. Aber ich
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| bin froh, daß ich einfach die alten Zettel verwenden kann. Zu einer Neugestaltung hätte ich weder Ruhe noch Kraft.
Wir haben jetzt noch im Hause: Emma Rauhut, die Hedwig v. Glasenapps, und das zugewiesene Frl. Hoffmann. Seit meiner letzten Karte waren hier ein Tagesalarm (bei der großen Luftschlacht, wohl Gegend Oschersleben) und bei d ein sehr früher Abendalarm, wo das Hauptziel anscheinend wieder in derselben Gegend lag. Ich werde um 18 Uhr höchst aufgeregt und elend. Ist die Zeit der früheren Großangriffe vorbei, geht es ab 20½ wieder besser. Wir helfen uns über diese Zeit weg, indem wir Patience legen ("Harfe"). Dafür hat sich bei uns beiden geradezu eine Leidenschaft entwickelt. Susannes Nerven vertragen die Gesamtsituation Gottlob besser als ich.
Schätzungsweise 10000 Bücher haben wir am 9.I mit einer Kette von 15 Studenten
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| und 6 italienischen Gefangenen in 1½ Stunden auf 2 Kraftwagen geladen. Die Bücher liegen nun als wirrer Haufen in irgendeinen Konfirmandensaal bei Anklam.
Radbruch (in Heidelberg) hat mir über m. "Goethe" freundlich geschrieben. Ich möchte wissen, wo er ihn herbekommen hat. Von Kippenberg noch nichts Näheres. Das Strümpellsche Haus soll auch abgebrannt sein.
Am 12.I. war Mittwochsgesellschaft bei Stroux mit fühlbarer Nervosität. Am 26.I. soll sie leider bei uns (in dem engen noch verfügbaren Raum) sein. Da muß dann auch wieder ein Vortrag gemacht werden. Frl. Wingeleit schreibt klagend aus Lyck, Klara Rauhut ist also in Eichwalde, Glasenapps im Scheibschen Hause.
Frl. Dr. Jung übertrifft sich an Tatkraft u. Umsicht selbst. Hedwig Koch baut das größtenteils abgebrannte Pestalozzi-Fröbelhaus ersatzartig wieder auf. Auch wir haben fast alle Scheiben wieder drin; bis wann??
Jede Prophezeiungsgabe ist bei mir völlig <li. Rand> erstorben. Wir sehen auch nur selten einen Menschen, der irgend etwas wissen könnte. Auslandsbriefe bleiben aus, bis auf kurze Festgrüße aus Griechenland.
<Kopf> Grüße den Vorstand und sei selbst von uns beiden mit allen <re. Rand> guten Wünschen herzlichst gegrüßt. Dein Eduard Spran