Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Januar 1944 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 28.I.44.
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief ist nach der neuen Methode 2 Tage nach der Datierung mit der 1. Post hier gewesen.
Gestern um 20 war wieder Alarm, mittlerer Angriff; der Durchflug dauerte nur 30 Minuten, schwere Flak in unsrer Stellung schoß lebhaft, so daß sie also auch über Dahlem waren. Überhaupt sind die Angriff fast nie auf einen erkennbaren Bezirk beschränkt. Hinterher sah man große Feuerscheine in 3 Richtungen. Ich weiß aber noch nicht, wo es gebrannt hat. Es war Sturm und Regen. Wir haben seit Anfang Januar eine Durchschnittstemperatur von +4°R.
Da ich, unsrer Verabredung gemäß, einmal schreibe, füge ich ein paar weitere Nachrichten hinzu, obwohl am Freitag nicht viel
[2]
| Zeit ist. Am Mittwoch war bei uns die Mi-Ge mit 11 Teilnehmern 15–18; ohne Sauerbruch. Ich entwickelte Gedanken über die abendländlische Persönlichkeit, die mir ganz neu gekommen waren und von großer Tragweite sind. Gestern war die öffentliche Festsitzung der Akademie im Saal des Finanzministeriums; der braune August Wilhelm war da.
Am Kalender habe ich dauernd große Freude, und ich danke nochmals herzlichst, daß Du ihn auch dieses Jahr machen konntest. Das Fieber war hoffentlich wirklich nur ein Schnupfenfieber. – Ob man unter den gegenwärtigen Berliner Existenzbedingungen mit den Kräften beliebig lang durchhält, ist doch fraglich. Die Inanspruchnahme des Herzens, schon wenn der Abend kommt, ist jedesmal groß, erst recht natürlich in der Stunde, die
[3]
| der Angriff dauert. Neuerdings hatten wir auch zweimal Tagesvollalarm.
Die Vorlesung hält sich auf annähernd 300 Leuten. Der General ist immer da, und wir sprachen manchmal ganz Interessantes. Im Hause ist eine furchtbare Unordnung; jede der 3 Einquartierten hat natürlich ihre "Restbestände" bei sich; man könnte im Ernstfall schwer durch. Klara Rauhut macht in Eichwalde Gehversuche; eine neue Unterkunft haben die Schwestern für den 10.II.
In der Akademie steht eine interessante Präsidentenwahl bevor. – – Von Louvaris kurzer Brief; er möchte partout Einreisegenehmigung nach Deutschland haben, was seine Freunde für falsch halten.
Für heute nur dies und innigste Grüße!
Dein Eduard.

[re. Rand] Erneute Einladungen nach Helsingfors und Athen habe ich abgelehnt. Ich kann Susanne nicht allein lassen. Beides ginge nur mit Flugzeug.