Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Februar 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. Februar 1944.
Mein innig Geliebtes!
Die Gratulation zum 30. Januar war weitaus das Schlimmste, was wir hier miterlebt haben. Donnerstag Abend begann es. In unsrem Häuserblock fiel eine Sprengbombe da, wo ein noch unbewohntes Terrain ist, nicht weit von dem Glasenapp- Scheibeschen Hause. Die Wirkung bei uns wurde durch das große Giebelhaus abgefangen; es geschah wenig. Rätselhaft ist, daß ein Türpfosten am Musikzimmer herausgerissen wurde, während nur 1 kleine Scheibe sprang. Der Krug u. das Restaurant Schilling brannten halb ab. Am Freitag Mittag konnte ich noch das Seminar abhalten. Am Sonnabend um 3 früh war ein neuer Angriff, der sich über die ganze Stadt verteilte. Um 8 trat ich den Weg zur Vorlesung an: die U-Bahn bis Breitenbachplatz,
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| zu Fuß nach Schmargendorf (dort Bhf wegen Blindgängers gesperrt.) zu Fuß nach Bhf Wilmersdorf – an noch rauchenden Häusern vorbei. – Von dort konnte ich bis Bhf. Schöneberg fahren und in die Wannseebahn einsteigen, die – im Schneckentempo – an Riesenbrandstätten [über der Zeile] noch helle Flammen! – bei Kolonnenstr. und Großgörschenstr. vorbeifuhr. Mit ¼ Stunde Verspätung war ich in meinem Hörsaal, den ich da wohl zum letzten Male gesehen habe. Da nur 50 statt 300 da waren, habe ich nicht gelesen. Ich erfuhr, daß die Angreifer in 30 km Breite von Norden her eingeflogen waren.
Sonntag um 12 Uhr – die Rede wurde gerade übertragen – hatten wir Vollalarm. Es geschah aber nichts. Pünktlich 3 Min vor 20 (jetzt also ½ Stunde später) kam wieder Alarm. In nächster Nähe geschah nichts (nur der nahe befreundete Koll. Titze hatte schweren Brandschaden.) Massen flogen
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| über uns weg (warfen aber erst ab Steglitz.) Die Elektrizität versagte für ¼ Stunde; deshalb hörten wir keine Vorentwarnung. Ungeheure Feuerscheine auf der Seite der Innenstadt. Unmittelbar nach der Entwarnung hörte ich durch Frl. Jung teleph., was ich Dir schon auf der Karte geschrieben habe. Jetzt weiß ich, daß die Vorderseite der Univ. ausgebrannt ist (die schöne Aula!) In den Flügel m. Hörsaals ist eine Sprengbombe gegangen, ebenso ins Seminargebäude. (Bücher nicht beschädigt, aber Wände einsturzreif geworden.) Museum für Meereskunde, Pergamonmuseum, Eckhaus Linden-Charlottenstr. (Speyer u. Peters früher) kaputt. Ich versuchte gestern, in die Stadt zu kommen. Bis Schmargendorf wie am Sonnabend. Dort lag noch der Blindgänger. Zu Fuß über Bhf. Ch Hohenzollerndamm (kein Verkehr) nach Bhf Charlottenburg. Stadtbahn ging nicht. Um zurückzukommen, fuhr ich erst bis Adolf-H.-Platz. Die Ruinenreihen am Kaiserdamm sind fürchterlich. Wenn man mit M nach Dahlem fährt,
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| trifft man nur wenige Häuser, die voll intakt sind.
Gestern Nachm. erwarteten wir Kolb und Tochter; sie blieben aus. In ihrer Gegend soll viel passiert sein. Tags zuvor freuten wir uns noch, daß es dort relativ gut aussah.
Ich werde erst morgen wieder versuchen, in die Stadt zu kommen. Für die Fortsetzung der Vorl. und Übungen sind zunächst keine Räume da. Frl. Jung immer tapfer; aber es geht über ihre Kraft.
Ist es wahr, daß Sonnabend Abend noch ein schwerer Angriff auf Frkft, Mannheim, Ludw. war? (Zeitung ausgeblieben.) Post kommt fast garnicht mehr; arbeiten ist fast unmöglich.
Man muß doch wohl annehmen, daß Berlin praktisch aufgegeben ist. Eine Kiste mit Büchern von Geldwert steht seit 3 Wochen zur Abholung da. Kein Wagen kommt. Die Potsdamer – (P. ist fast unbehelligt) raten immer, bei ihnen zu übernachten. Aber wer garantiert, daß es dort besser ist? Solange Emma Rauhut da ist, können wir sie nicht allein lassen. Fall Titze hat gezeigt, daß man im Brandfall <li. Rand> einiges tun kann. Henning im Museum hat kl. Privatfeuerwehr u. paßt natürlich auf sein Haus auf. Aber – man muß doch bleiben. Dies ein flüchtiger Bericht. Ich denke <Kopf> Deiner stündlich. Wir grüßen Dich innigst. Dein Eduard.
[re. Rand S. 1] Es ist der reine Frühling. Kätzchen blühn schon. Der "Pieper" ist schon da.