Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Februar 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13. Februar 1944.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe Deinen lieben Brief vom 5. Februar und Deine Karte vom 8. Februar. Nach der letzteren sieht es so aus, als ob die Lebensbahn unserer Freundin zu Ende ginge. Und wenn ihr nur noch Leiden bestimmt sein sollten, dann müßte man wohl für sie wünschen, daß sie einmal still einschläft. –
Wie die Zeiten geworden sind, haben meine Briefe wohl nur noch zwischen uns beiden Alten eine Bedeutung. Aber wenn Du sie sorgsam verwahrst, ist das doch gut. Deinen Plan einer Teilung nach geraden und ungeraden Jahren finde ich sehr vernünftig. Wichtig ist, daß auf jedem Packet außen ganz deutlich daraufsteht, was
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| darin ist und welche Personen als Eigentümer in Betracht kommen. Bei meinen Bergungsarbeiten waren das Ärgerlichste immer Packete, auf denen garnichts stand und über die man erst lange Forschungen – hätte anstellen müssen, wenn dafür irgend Zeit gewesen wäre.
Leider habe ich versäumt, den Kugler in die Kiste zu tun, die nach 3 Wochen Warten endlich abgeholt worden ist – in übrigens fragwürdige Sicherheit. Ich habe auf dem Gebiet auch sonst nicht viel nachgedacht: der Besitz ist ja eine Totalität, mit der man zusammenhängt. Von den Einzelheiten hat nur das Intimste absoluten Wert. Ich habe von Dir auch schöne Schleiermacherwerke, die ich ungern verlöre. Wo fängt man aber an, wo hört man auf? Kisten, selbst Schnüre etc. hat man nicht; wir müssen eben – dulden.
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Ich bin seit gestern stark erkältet und daher aus Vorsicht den ganzen Sonntag zu Hause geblieben; habe 170 Seiten von einer eiligen (andre gibt es nicht) Dissertation gelesen; das war etwas trübsinnig inmitten der Trostlosigkeit, die uns umgibt. – Gestern ist nun Emma Rauhut abgezogen in die Wohnung, die ihr und der wieder einigermaßen gehfähigen Klara zur Verfügung gestellt worden ist. Wir haben jetzt nur noch die Hedwig von Glasenapps, die nur hier schläft, und die offiziell einquartierte Hoffmann, die aber für 4 Wochen in Hahnenklee ist. Störalarme sind am Tage und in der Nacht, neuerdings öfter auch Vollalarme am Tage.
Am 9.II. habe ich im Hörsaal des Pharmakologischen Instituts (Dorotheenstr.) meine Vorlesungen nach 14 Tagen Unterbrechung wieder aufgenommen; das Seminar am 11.II. im Schloß; im Psychol. Institut. In der Vorlesung haben sich trotz allem über 200 zusammengefunden, im Seminar
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| gegen 35. Inzwischen habe ich (seit den ersten großen Angriffen) auch m. neue Akademieabhandlung "Zur Entstehungsgeschichte der Volksschule" fertiggestellt, alles selbst mit der Hand 2 mal geschrieben und das 2. Ex. sogleich aus Berlin herausgesandt. Der Haupttext ist schon gedruckt.
Die Abende sind sehr schwer. Wir haben aber beide eine wahre Leidenschaft für eine bestimmte Patience entwickelt; zwischen 19. u. 21 legen wir sie regelmäßig, bisweilen 8 mal. Hättest Du vielleicht zum Leihen 2 vollständige Patiencekartenserien? Wir verderben die, die uns Glasenapps geborgt haben, zu sehr. Bücher sind bei Dir sicherer als hier; sonst hätten die beiden Werke schon Interesse für mich. – Das mit der Rechnung für die "Erziehung" ist in Ordnung. David Copperfield würde auch ich lesen, wenn es einmal wieder ruhiger werden sollte. Augenblicklich schaffe ich, bei recht schwachen Kräften, kaum das offizielle Pensum. Daß am 26.I. die Mi-Ge. bei uns war, habe ich Dir wohl schon geschrieben; ich habe über ein sehr interessantes Thema gesprochen. Am 9.II waren wir von 15¼ bis 18 bei Sauerbruch, und der Sekt wie seine Liebenswürdigkeit halfen sehr zu einer sonst nicht motivierten <li. Rand> Stimmung. Kolbs sind am 31.I ausgeblieben; man hat nichts von ihnen seitdem gehört. Mein Vetter Imhülsen hat seine ausgebrannte Wohnung verlassen müssen, wie <re. Rand> immer mehr Kollegen. Frankfurt muß schlimm sein. Hier aber auch. Innigste Wünsche u. Grüße Dein Eduard.
[re. Rand S. 3] Auch Virchows wiss. Sammlung ist total verbrannt. Ein Turm auf dem Gensd’armenmarkt ohne Kuppel.
[li. Rand S. 1] Zu welchem Postkreise gehört Heidelberg?
[re. Rand S. 1] Seit vorgestern Schnee, aber immer noch um Null°.