Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Februar 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 16. Februar 1944.
18 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Während Du unsre Freundin, die Du am Montag zur Ruhe geleitet hast, betrauerst, sind hier Ereignisse eingetreten, die mich hindern, Dir wenigstens mit gesammelten Worten des Gedenkens und des Trostes bei der irdischen Trennung einer so alten Freundschaft nahe zu sein. Ich habe Dir eben eine Eilnachricht gesandt, werde das aber nicht nach jedem Angriff tun können. Diesmal war es am schlimmsten für Dahlem. Außerdem soll Siemensstadt furchtbar zerstört sein. Teilalarm 5 Min. vor ½ 9, Vollalarm 5 Min. vor 9; von 9 Uhr 10 an wieder 40 Min. lang Durchflug. Die Detonationen der Sprengbomben, die in der Nähe fielen, folgten von 9.20 an unablässig aufeinander. Eine versetzte unser Haus in stärkste Erschütterung, mit dem Klirren vieler Scheiben verbunden. Dann ging auch das
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| Licht aus (bis 4 Uhr früh.) Das bange Ausharren im Keller war entsetzlich.
Als wir hinaufkonnten, sahen wir, daß auf dem Boden alle Regale, Schränke etc. umgestürzt waren. Die leichten Zwischenwände waren teils zertrümmert, teils verbogen.x) [li. Rand] x) Dachziegel natürlich zu ⅓ fort. In m. Zimmer waren viele Bücher herausgestürzt. Eine Brandbombe hatten wir nicht; auch mit den Scheiben ist es noch so, daß in keinem Zimmer alle entzwei sind. Ringsum viele Brandstätten, so wieder in der Königin-Luise-Str. von uns aus vor der Post. Die Bombe, die uns geschädigt hat, ist etwa 5 Häuser weit am Kiebitzweg gefallen und hat das Haus unsres Luftschutzwartes zerrissen; eine Hälfte ist nur noch ein Schutthaufen. Um die Marinestation von Dönitz herum ist alles kaputt.
Ich kämpfte mich heute über Lichterfelde, Schöneberg, Tempelhof in 1¾ Stunden in die Stadt und fand im Pharmakol. Institut doch noch über 100 Hörer vor. Ich habe also
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| 1 Stde u. 20 Min gelesen, dann noch Sprechstunde in dem Seminar gehalten, wo wieder alle Pappfenster herausgerissen waren; auf demselben Wege kam ich zurück. Natürlich ist man ganz zerschlagen. Ob es heute nacht weitergeht? Das ist immer die schlimmste Frage. Die tapfere Ida hilft außerdem noch bei Rauhuts, wo Gott sei Dank nichts Schwereres geschehen ist.
Nach solchen Erlebnissen ist man kaum fähig, an anderes zu denken. Man denkt natürlich immer an die Zukunft, auch an Tscherkassy, Nikopol, Rubno (s. Karte!) und Narwa. Verzeih, wenn ich heute nichts weiter hinzufüge als die innigsten Grüße von uns beiden.
War es ein Zufall, daß die Gräfin Hardenberg gerade gestern anrief und uns aufs neue freundlich einlud? Aber das Semester ist bis zum 16.III verlängert, und ich darf hier garnicht fort.
Dein
Eduard.