Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Februar 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22.II.44.
Mein innig Geliebtes!
Du und ich – wir müssen durch mancherlei Wolken hindurchschauen, um das Licht zu erblicken, das uns der 25. Februar in jedem Falle bringt. Die Trauer um die alte Freundin ist noch frisch; es ist noch nicht einmal der Zeitpunkt da, wo das eigentliche Vermissen beginnt: das Gefühl: Du kannst jetzt nicht mehr hingehen, wo Du so oft warst. Ein Quell der Freude wie auch mancher Bedrückung ist damit versiegt. Im ganzen ist es doch ein Verlieren, und man verliert Menschen jetzt besonders schwer, weil sie das Einzige sind, was einem wirklich gehört. Ihr Bild bleibt freilich unberührt von dem zeitlichen Heimgang; es wird nur reiner und "wesentlicher". So ist es mir meist gegan
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|gen, ausgenommen einen Fall, den Du kennst, und wo ich doch bis heute um das reine Bild kämpfen muß. Aber ich hoffe, daß es so bei unsrer Heimgegangenen nicht ist, daß gerade der geübte Seelenzwang zu vergessen ist und übrigbleibt die Originalität einer sich selbst setzenden Natur, die nicht anders konnte, als sie war. Wie viele wollen gerade heute die anderen zu ihrem Heile zwingen! Das ist nun aus: die Freiheit kann jetzt walten und die Erinnerungen aus der ersten Blüte der langen Freundschaft wieder heraufrufen.
Ich habe wirklich diesmal nichts zu Deinem Geburtstag. Auch die Filiale von Gsellius, die noch bestand, ist schwer getroffen; man mag in die Gegend (Roseneck) garnicht hingehen. Du wirst Nachsicht haben; die Härte der Zeit macht alles immer enger. Was wir uns zu geben haben, liegt aber in unberührbarer Tiefe. Mehr als je empfindet man diesen allein
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| zeitlosen Quell der Kraft. Rufe die Bilder der schönen, manchmal ungetrübten Tage wieder hervor, die wir gemeinsam verlebt haben. Ihre Wahrheit und ihr Glanz bleiben in uns. Wie glücklich wäre ich, wenn uns noch in diesem Dasein ein Nachglanz beschieden wäre! Aber das Schicksal von Anna Weise trifft immer mehr Menschen. Nach dem, was hier in Dahlem der 15.II gebracht hat, ist es richtig, sich darauf einzustellen, daß mindestens das Haus nicht zu retten ist. Wenige Stunden vor dem schrecklichen Abend hat die Gräfin Hardenberg bei uns angerufen und uns wieder freundlich eingeladen. Ich habe für den Ferienbeginn (etwa den 20.III.) angenommen. Was wird bis dahin noch geschehen? Ida kann ihre Kemenate nicht mehr bewohnen. Wir haben also wieder 3 Bombengeschädigte in den Zimmern. Bei Kälte ist das sog. Wohnzimmer wegen der fehlenden Fensterscheiben auch nicht benutzbar.
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Klara Rauhut hat ein paar Briefe von mir an meinen Onkel Ernst gerettet. Die sende ich Dir ungelesen – vielleicht als Ersatz für das fehlende Buch – mit der Bitte um Aufbewahrung.
Es ist kein wohltuendes Dasein, wenn jeden Abend um ½ 7 eine nicht unbegründete Todesangst beginnt. Um 9 ist nach dem jetzigen "Fahrplan" die Gefahr als vorübergegangen zu betrachten; um 3 Uhr früh beginnt sie wieder; gut, wenn man dann noch weiterschlafen kann. Sonntag früh, als der große Angriff auf Leipzig war, haben wir wieder 2 Stunden (von 2.40 bis ¾ 5) im Keller gesessen; auch bei uns waren einige. – Es ist jetzt etwas unter Null; das macht die Situation noch weniger angenehm.
"Wohin er auch die Stimme schicket, nicht Rettendes wird hier erblicket."
Ich gehe jetzt zu Meinecke. Am 25.II. habe ich außer den 2 Vorlesungsstunden noch einen Sondervortrag "Der Beruf des Arztes" für Studierende der Militärärztlichen Akademie. Die Mi.-Ge, die Pinder im Harnackhaus geben wollte, fällt aus, weil dort keine Fenster u. Türen sind.
Nun also die innigsten vielsagenden Glück<li. Rand>wünsche! In zeitloser Liebe und Treue Dein Eduard.
[] Dein l. Brief an Suse kam gestern.