Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. März 1944 (Neu-Hardenberg)


[1]
|
Neu-Hardenberg, über Müncheberg/Mark
den 28. März 1944.
Mein innig Geliebtes!
Gestern ist Dein lieber Brief vom 20.III. hier eingetroffen. Sehr unangenehm ist mir daran, daß nun auch Heidelberg etwas abbekommen hat, und noch dazu auf Deiner Seite, so fern von Industrie. Bei Vollalarm soll man ganz fertig sein, auch mit Wertsachen, und wenn man fliegen hört, gleich in den Keller gehn, nicht erst Detonationen abwarten. Abends, so daß man umgerannt wird, soll man überhaupt nicht ausgehen. Man soll sich auch rechtzeitig merken, wo gute Luftschutzräume oder Bunker sind. In einer Stadt, die schon etwas erlebt hat, richtet sich schließlich alles nur nach den Fliegerangriffen.
[2]
|
Wir sind nun schon 8 Tage hier, bei meist sehr rauhem Wetter mit Scheetreiben. Deshalb kommt man nicht viel heraus; die Gegend ist um diese Zeit, wo die Alleen kahl sind, noch nicht reizvoll. So konnte ich den Artikel über Riehl zum 27.IV.44 fertig machen.
Auch hier war mehrfach Alarm (vom Arbeitsdienst getutet.) Der Rundfunk gibt außerdem jede Stunde die Luftlage an. Man ist hier nicht völlig unbesorgt. Denn ganz nah ist ein Flugplatz mit lebhaftem Verkehr, und in das Dorf wie in den Wald sind schon mehrere Bomben gefallen. Graf und Gräfin gehen sofort ums Haus und kontrollieren die Verdunklung. In Berlin war ein Tagesangriff und ein starker Nachtangriff. Jenny telephonierte uns, daß ihnen und unsrem Hause nichts passiert sei. Aber in Potsdam (!) hat das Marmorpalais und ein
[3]
| großes Lazarett gebrannt, beides in der Nähe von Honigs.
Die Güte unsrer Gastgeber und der reizende Ton des Hauses sind nicht genug zu rühmen. Dauernd im Hause sind 2 ältere Verwandte, jeder in seiner Art sympathisch und wohltuend: Generalleutnant Gr. v. d. Schulenburg (Vetter) und Baron Schilling (Schwager.) Anderer Besuch kam nur kurzfristig, immer Menschen, mit denen man sich versteht. Comtesse Reinhild ist leider für 5 Tage zu einer Roten-Kreuzschulung fort. Wir werden sehr ermuntert, über Ostern zu bleiben. Aber am 6. April ist in Potsdam Mariannes Hochzeit (darüber ein andermal.) Außerdem geht am 30.III. Frl. Jung für 14 Tage in den wohlverdienten Urlaub, und es muß jetzt doch einer nach dem Seminar sehen. Wir werden also wohl nur bis zum 4.IV. hierbleiben. Ich bitte Dich, das nächste
[4]
| Mal lieber nach Dahlem zu schreiben.
Und ich muß leider jetzt schon abbrechen: aus fünferlei Gründen: 1) geht die Post; 2) zieht es in dem Fensterwinkel, in dem ich schreibe, weil oben noch nicht geheizt ist, so aasig, daß ich für meinen rechten Arm fürchte, der ohnehin anfängt, im Schultergelenk dauernd behindert zu werden. (Sonst ist dieses Leben in einem wirklich bewohnten "Schloß" sehr reizvoll, war schon längst meine Sehnsucht.) 3) drängelt Susanne, die ihre Karten wegbringen will, so unanständig, daß ich die Ruhe verliere. 4) ... 5) ...
Dies ist mit dem Füllfederhalter geschrieben, den Riehl mir vor ca 25 Jahren geschenkt hat u. den ich – repariert – nun endlich in Gebrauch genommen habe.
Also kurz: sei vorsichtig in allem und empfange die wärmsten Grüße von uns beiden!
In täglichem Gedenken Dein
Eduard