Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. April 1944 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>

12. April 44.
Mein innig Geliebtes!
Vor 3 Stunden sind wir hier angekommen. Ich fand Deinen lieben Brief vom Karfreitag, wie ich am 6.IV. den vom 4.IV. hier erhalten habe. Beide wurden begrüßt mit sehr großer Freude wie auch mit ganz leiser Verdrießlichkeit wegen "Drängelns". Denn wenn es geht, schreibe ich schon regelmäßig und spontan; der Versand von altem Packmaterial, das 3 Wochen unterwegs ist, ist keine geeignete Gelegenheit zu Briefeinlagen. Ziemlich sicher erinnere ich mich, am 20.III. [über der Zeile] früh in Dahlem (Post) U-Bhf. ein langes gestempeltes Akademiekouvert an Dich in den Kasten gesteckt zu haben. Es enthielt die 2. Korrektur meiner neuen Akademieabhandlung mit dem Vermerk von mir "bergungshalber".
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| und 3 Briefe an mich, mit Schlußdank für die Vorlesung, aber keinen Brief von mir an Dich. Es ist denkbar, daß die Sendung in Frankfurt/M. in einen Angriff geraten ist, wie Sabine und ihr Mann dort fast in Lebensgefahr gekommen sind.
Nun zunächst über die Hochzeit: Marianne hat einen Jugendbekannten geheiratet, einen guten, aber etwas kümmerlichen Menschen. Die Eltern wie wir halten das für eine erfreuliche Tatsache. Hoffentlich bleiben beide in Geduld einander treu; mit Marianne jedenfalls ist es nicht leicht. Die Trauung fand mit dröhnender Rede im Hause statt. Wir waren 14 Personen und bekamen gottlob keinen Alarm, aber etwas zu viel zu essen. Auf der Rückfahrt besuchten wir Rauhuts, die in ihrer Ersatzwohnung am 24./25. März wieder großen Schaden erlitten haben. Sie wollen nun bis Kriegsende in den Warthegau zu Verwandten gehen. Am 24./25.III. war der bisher letzte, für den Westen wieder verhängnisvolle Großangriff.
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Zur Rückfahrt am Karfreitag war der Zug, mit dem wir fahren wollten, ausverkauft. Es gelang uns nur durch allerhand Kunstgriffe, doch noch 5 Stunden später nach Trebnitz und von dort mit einem Leiterwagen nach Hardenberg zu kommen.
Dort wurde es zu Ostern allmählich frühlinghafter. Am 1. Feiertag machte [über der Zeile] fast die ganze Belegschaft einen großen Waldspaziergang. Ich muß Dir hier Dramatis personae einmal aufzeichnen:
    Graf (eigentl. Fürst) v. Hardenberg ca 52 Jahre.
    Gräfin, geb. Gräfin v. d. Schulenburg ca 56 Jahre.
    Baronin v. Schilling, Schwester des ersten      54 Jahre. } aus
    Baron v. Schilling,Oberst a. D.nahe 70. "  } Potsdam
  Generalleutnant [ü. d. Zeile] a. D. Graf v. d. Schulenburg, Junggeselle,     62 Jahre
mein besonderer Freund
"Onkel Bolly", angina pectoris,
Vetter der Gräfin.
    Wonte (v. "Wonnekloß"), 3. Tochter des Grafen,
offiziell: Comtesse Reinhild.
    22 Jahre.
als Gäste zu Ostern:Prof. Spranger, 62 Jahre.
Frau Spranger,54 Jahre.
    Baronesse Schilling (Tochter) ca 20 Jahre.
    Comtesse Bassewitz ca 20 Jahre. (stud. med. 1. Sem.)
    Hauptmann Graf v. Hardenberg, Vetter, ca 30 Jahre.
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Am 2. Feiertag nachm. fuhren der Graf u. die Gräfin im Auto zu einer Taufe im Nebengut Tempelberg. Gleichzeitig sollte der Vetter Hardenberg im Einspänner nach Trebnitz gebracht werden u. dort Graf und Gräfin Matuschka abgeholt werden. Wir Hinterbliebenen (s. Dramatis personae) saßen vor dem Tee auf dem Altan des Schlosses mit Kissen auf den Stufen. Da stürzte Frl. Reppin (Reppinchen) mit dem Ruf heraus: "Sie sind verunglückt mit dem Wagen." Wer? mit welchem Wagen? Wonte hatte den Einspänner anstelle des Polen Stachow geführt. Wir eilten ziemlich kopflos auf die große Dorfstraße. Erst allmählich stellte sich – nach schrecklichen Minuten – heraus, daß Amfortas in der Mitte des Dorfes gescheut hatte. Wonte und Graf Matuschka konnten ihn mit vereinter Kraft nicht halten. Schließlich brach die Schere, das Pferd schlug Wonte ans Knie und lief davon. Sie und der Graf wurden herausgeschleudert; die Gräfin blieb sitzen. Wonte soll 3 Minuten bewußtlos auf der Straße gelegen haben. Wie ein Wunder kam ein Auto, in dem eine Schwester saß. Die brachte die Comtesse zunächst zum Arzt, einem schauerlichen Kunden, vor dessen
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| Haus das Unglück passiert war, dann mit ihrem Auto ins Schloß. Auf uns allen lag lähmendes Entsetzen. Wonte kam zu sich und sprach. Die Gräfin H. wurde von Tempelberg gerufen und brachte gleich den Prof. Bremer mit, Chef des Elisabethkrankenhauses, der auf dem Gut Lietzen eine Ausweichwohnung hat. Der stellte fest, daß nichts gebrochen war, nur Abschürfungen und ein Bluterguß im Bein, und daß wohl eine leichte Gehirnerschütterung vorläge. Gegen Abend konnten wir schon etwas ruhiger sein. Heute früh hat Susanne Wonte noch besuchen dürfen und sie schon ganz munter gefunden. Immerhin: auch auf dem Lande lauert der Tod.
Der arme Graf Matuschka, der durch den [über der Zeile] einen Sturz vom Pferde [über der Zeile] schon ein beschädigtes Rückgrat hat, konnte ins Schloß humpeln und ließ von Schmerzen nichts merken. Er und seine Frau konnten nur bis zum nächsten Morgen bleiben. Beide aber entpuppten sie wieder als so ungewöhnlich reizende Menschen, daß ich ihre schnelle Abreise als einen wahren Verlust empfand. In Hardenberg scheinen nur wertvolle Leute zu verkehren.
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Gestern hatte Neuh. 3 Stunden Alarm. Wir sahen 17 feindliche Flieger über uns. Nachm. machten wir mit der unbeschreiblich sanften und bescheidenen Baronin noch eine 2stündige Pferdewagenfahrt durch den Frühlingswald. Heute um ½ 9 nahm uns der Graf im Auto mit nach Fürstenwalde, von wo wir um 11.40 – ohne den jetzt üblichen Tagesalarm – zu Hause waren.
Der Alltag beginnt wieder. Aber die 3 schönen Wochen werden uns – vor allem wegen der Menschen in N. – in sehnsüchtiger Erinnerung bleiben.
Das man auch ohne Pferd zu Fall kommen kann, lehrt leider Dein Mißgeschick. Hoffentlich sind nun die Schmerzen ganz verschwunden. Sei doch bitte möglichst vorsichtig. Im Alter ist ein Sturz keine Kleinigkeit.
Ich bin auch kein Herkules mehr (wie früher!!) Es ist Zeit, daß einmal ein ander Bild kommt. Wie soll das aber mit
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| unsrer Südarmee werden, nachdem der Ausweg über Lemberg versperrt ist?
Der Fliegerneffe Dieter ist in Frankreich abgeschossen, aber mit leichten Verletzungen davongekommen. Günther (bei Tarnopol) im Lazarett.
Schulze lebt nicht in Merseburg, sondern in Königsberg. Ist denn dort das Malheur passiert? – Frankfurt muß ganz fürchterlich mitgenommen sein.
Ist dies ein "richtiger" Brief? Aber so bald kann ich leider nicht wieder schreiben. Die sonstige Post ist z. Z. ganz enorm. Vor dem Semester muß ich noch fertig machen:
1) eine Festgabe zu Kippenbergs 70. Geburtstag im Mai.
2) die Unterlage für den Neudruck des verbrannten Goethe.
3) einen Artikel für die Woche.
Am 1. Mai habe ich für eine Flakbatterie in Stettin zu reden.
Frl. Jung ist bis zum 17.IV. in Urlaub. Meine Bücher sind nicht fort. In Neuh. will man sie nehmen; hoffentlich ist der Arbeitsdienst noch
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| zum Transport bereit.
Viele innige Grüße. Auch von Susanne Wann ist Vater Weltes Geburtstag?
Dein
Eduard.

[] Louvaris ist hier!!