Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. April 1944 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>

23.IV.44.
Mein innig Geliebtes!
Aus Deinem heute eingetroffenen lieben Brief entnehme ich, daß Du doch eigentlich keine lebendige Vorstellung hast, wie es mit Menschen beschaffen ist, die in ständiger Erwartung von Großangriffen auf ihre Stadt existieren und jeden Tag damit rechnen: morgen bist du erledigt. Daß ich die größte Sehnsucht habe, einmal wieder nach Heidelberg zu kommen, das solltest Du Dir eigentlich denken. Aber das weißt Du vielleicht nicht, wie alt ich inzwischen geworden bin; ich habe nicht mehr viel Kraft, unter den jetzigen Reiseumständen eine weite Fahrt zu unternehmen; man kann es ja auch erträglich treffen; aber wer weiß das? Ferner kann ich mich nicht entschließen, Susanne jetzt allein im Hause zu lassen. Auch dies ist ja möglicherweise Übernervosität;
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| aber übernervös ist gar kein Ausdruck für den Zustand, in dem man sich jetzt befindet. Und er ist in der Sachlage weiß Gott begründet. Sieh Dir einmal die Steinhaufen in Dahlem an, unter denen oft Menschen liegen, die man bis heute nicht ausgegraben hat. Endlich: wenn wir in Hardenberg waren, so ist das ein Ort, an dem wir von Jenny jeden Tag nach einem Angriff telephonisch benachrichtigt werden konnten; im Ernstfall in 3–5 Stunden zu Hause sein konnten; und dann ist auch schon manchmal die Hälfte aus den Zimmern fortgetragen.
Man muß sich, glaube ich, davor hüten, sich in einen Dauerzustand von Unzufriedenheit hineinzusteigern. Wir wünschen alles anders, als es ist. Aber am Schreiben lasse ich es gewiß nicht fehlen. Oft kann ich der sonstigen Post mit meiner Hand, auf die ich doch jetzt allein angewiesen bin, nicht Herr werden. Aber Du bist noch immer – selbstverständlich – allen anderen und allem anderen vorangegangen. Schicken wir die Verpackungssachen nicht, dann
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| kommen Reklamationen. Schicken wir sie, so klagst Du, daß Du eigens deshalb in die Stadt mußtest. Schlage selbst vor, wie wir es anders machen sollen. In diese Dinge werde ich auch künftig keine Briefe legen; sie haben keinen Sinn, wenn die Sendung ev. 3 Wochen unterwegs ist. Daß Susanne kein Schreibmensch ist, weißt du längst. Sie hat auch einen Kampf nach vielen Seiten: jetzt z. B. Lebensmittelkarten zu verteilen, wo in den Ruinen niemand anzutreffen ist und in den intakten Häusern ganz neue Leute einquartiert sind, ist keine Kleinigkeit. Vom inneren Leben, wie und wo es jetzt zentral ist, kann niemand schreiben. Auch Du tust es vernünftiger Weise nicht.
Ich sehe also nicht, daß mich irgend eine Schuld trifft, kenne aber genau die Umstände, die schuld sind.
Frau Geheimrat Vetter soll die Bibl. der Nationalliteratur entweder Gsellius (der einen Ersatzladen in der Mohrenstr. aufgemacht hat) oder Collignon (in der Prinz-Louis-Ferdinandstr.) anbieten: so etwas wird gern gekauft.
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| Auswärtige Buchhändler kommen nicht in Betracht, weil man ja kein Verpackungsmaterial hat.
Mit Louvaris sind wir 2mal zusammengewesen. Das Wichtige aus den Gesprächen läßt sich nicht mitteilen; auch habe ich neulich sehr lange geschrieben, anscheinend ohne daß es Dich interessiert hätte. Sage also bitte die Themata, über die ich schreiben soll.
Das Semester habe ich gestern mit nur 100 Hörern in der Gesch. d. Päd. begonnen. Die Arbeit ist aber die gleiche, ob man viel oder wenig Hörer hat.
Ganz unverständlich ist mir Deine Bemerkung, Du allein sähest von m. Arbeiten nichts. Was erschienen ist, erhältst Du alles, sobald es da ist. Neulich habe ich sogar geschickt, was noch nicht erschienen war. Ich habe bei der Post angefragt, ob es Sinn hat, dem Verbleib nachzuforschen.
Dir und uns, mein liebes Herz, geht es jetzt noch über alle in Deutschland sonst erhörten Begriffe gut. Wir wollen uns das Leben nicht künftig schwer machen. Und was das Wiedersehen betrifft, so treibt mich alles zu Dir. Aber es muß <li. Rand> erst objektiv so liegen, daß ich wirklich zu Dir komme und nicht unterwegs liegen bleibe oder, wie neulich Sabine mit ihrem Mann, in den dicksten Bombenhagel und <re. Rand> Rauch hineingerate. Sei verständig und friedlich. Innigste Grüße wie stets
Dein Eduard.

[li. Rand S. 1] Das Messer – wahrscheinlich von Dir erhalten – ist unterwegs
Gute Fahrt nach Dielbach! Läßt Du Dir die Post nachschicken!