Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Mai 1944 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>

7. Mai 44.
Mein innig Geliebtes!
Heute würde ich Dir gerne einen recht schönen Brief schreiben. Aber es ist kalt (3½°R früh), trübe, ich habe abscheuliche Zahnschmerzen (vorletzter), mein Kopf ist dumpf von den antineutralgica, und morgen muß ich nach Stettin fahren. (vertagt!) So wird die Ausführung wieder hinter dem guten Willen zurückbleiben. Ich habe von Dir 2 liebe Briefe, das Packet mit Begleitzeilen, und Susanne ist von Dir auch gütig bedacht worden. Warmen Dank auch für die Stärkungsmittel! Gestern hieß es wieder: "im Raum von Mannheim". Dann bin ich immer in Sorge, wenn dieser Raum auch groß und anderen Stellen interessant ist; aber Heidelberg war doch nun auch schon einmal dran! – Der Tagesangriff am 29.IV. war wieder sehr schwer. Es ist richtig,
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| daß Zehlendorf schrecklich betroffen worden ist, auch an der Dahlemer Grenze.
In der neulich aufgetauchten Streitfrage
Hier kam ein Alarm von 1 Stunde 20 Min. Wir waren 1 Std mit Sack und Pack im Bunker. Eine zeitlang flogen sie in Mengen über uns; in der Nähe scheint nichts gewesen zu sein. Nach der Stadt zu sieht man Rauch. Harmlos war die Sache, wo sie hingetroffen hat, nicht.
In der neulich aufgetauchten Streitfrage sind wir vollkommen einig, und – da dies selbstverständlich ist – wir verstehen auch, wie bei dem einen von uns [über der Zeile] dies, bei dem anderen ein anderes Gefühl auftauchen konnte. Ich darf auch annehmen, daß Du wirklich mit meinen postalischen Leistungen zufrieden bist. Über Militärisch.-Politisches kann ich nicht schreiben; finge man vom Innenleben an, so käme man in zu trübe Regionen. Denn, wie Du auch einmal gesagt hast
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| wenn man sich all das Schreckliche zu Bewußtsein brächte, würde man das Leben ja garnicht ertragen. Und auch dies wirst Du mit gewohnter Güte in Erwägung ziehen, daß ich rein aus Kraftgründen oft nicht schreiben kann. Ich muß alles, alle Gratulationen, Kondolationen, Danksagungen, Antworten, Dienstsachen – auch die Reinschrift jedes Aufsatzes mit der Hand schreiben. Abends nach dem Abendessen spielen wir mit Deinen Karten Patience, dann lese ich noch ½ Stunde. Um 10 mache ich Schluß.
Wegen des langen Akademiekouverts habe ich einen Laufzettel in Bewegung gesetzt, den Du von Deiner Post wohl auch zur Äußerung erhalten wirst. Trotz aller Erwähnungen des Erhaltenen und Nichterhaltenen ist mir noch unklar, ob Du meinen kurzen Osterbrief aus Neuhardenberg vom 3. oder 4.IV erhalten hast.
An dem gesundheitlichen Ergehen in der Familie Kohler nehme ich herzlichen Anteil. Wen das eine weniger drückt, den drückt etwas anderes.
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Von dem Gedenkartikel auf Riehl habe ich, trotz Bitten, bisher kein Belegexemplar erhalten, kann also kein Exemplar senden. Wir waren am 24.7. am Grabe, wo nicht einmal die Inschrift mehr zu lesen ist; am 29.7. waren wir noch einmal dort; außer uns hatte nur der von mir mobilisierte Studienrat Kanning ein paar Blumen gebracht; (übrigens jetzt kaum zu bekommen.) In Klösterli war der Garten gänzlich verwildert, und das Haus schien unbewohnt. Seltsam! Übrigens war ganz in der Nähe schwerer Bombenschaden.
Die Vorlesungen haben sich gut eingespielt u. alle haben an Teilnehmerzahl zugenommen. Menschen sehen wir wenig; entweder sind die Bahnen unterbrochen oder man muß durch neue Verwüstungsstätten. So läßt man es beim Telephonieren bewenden. Meinecke u. Titze sind unser einziger Umgang. Mi-Ge pausiert, Staatsw. Gesellschaft neulich verhindert. Hoffentlich komme ich morgen nach Stettin durch.
Diese Woche wird vielleicht ein Teil meiner Bücher nach Hardenberg gebracht. Prinzip der "Verteilung". Das Wichtigste muß ich ja hier behalten, weil ich es <li. Rand> immer brauche. Bei dem schlechten Wetter (mäßige Baumblüte) waren wir in dem Film "Familie Buchholz". Amüsant! Wie immer (natürlich) innigst Dein
<Kopf>
Eduard

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Nach Frl. Jungs telephonischer Nachricht muß es heute in der Innenstadt sehr schlimm gewesen sein. Friedrichstr, Bhf. Friedrichstr.   Dorotheenstr. 6 ist mindestens das Vorderhaus hin, damit wieder eine Erinnerung fort. Universität Ostflügel soll aufs neue getroffen sein.
15 Uhr.
Alarm war 10.35