Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Mai 1944 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>

22. Mai 44.
Mein innig Geliebtes!
Wenn dieser Brief nicht rechtzeitig als Pfingstgruß ankommt, ist es wahrlich nicht meine Schuld.
Es wird nicht rosiger in der Welt. Das am Freitag (19.V.) war wieder eine ganz schwere Sache. Ich habe selbst den Turm des Französ. Doms, Häuser am Gensdarmenmarkt das Haupttelegraphenamt und Hauptpacketamt in der Oranienburgerstr. brennen sehen. Das Hegelhaus ist zerstört, Schloß u. Marstall und obere Linden mehrfach getroffen, anscheinend auch die Marienkirche. Die Ruine von Onkel Schwalbes Schule hat man sprengen müssen. Der Eingang zu der Trümmerstätte Dorotheenstr. 6 ist von Schutt noch heute gesperrt. U.s.w.
Ich habe trotzdem 2 Stunden nach Ende des Alarms mein Seminar mit 33 anwesenden Leuten
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| gehalten. Es geht mir seit 14 Tagen nicht gut. Erst hatte ich einen sehr schmerzhaften, dick vereiterten Zahn, den ich von einer Dentistin ziehen ließ, weil Lubowski nur 2mal in der Woche zu erreichen ist. Dann bekam ich infolge Schampoonierens bei kaltem Wetter einen Schnupfen, der wieder in die Kieferhöhle ging. Trotz etwas Fieber habe ich am Mittwoch gelesen und bin dann bei Diels in der Mi-Ge gewesen, wo ich meinen besonderen Freund fand. Er hat die Darmkrebsoperation, mehrfachen Rippenbruch, einen neuen schweren Brand in s. Hause immerhin gut überstanden. Seiner Ansicht nach kommt tatsächlich eine Invasion auf breitester Front.
Wir hatten uns zu dem Plan aufgerafft, gestern mit Litts in Leipzig zuzusammenzusein und heute Kippenberg persönlich in Weimar zu s. 70. Geburtstag zu gratulieren. Ich habe aber das Zimmer nach den
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| Erfahrungen mit Stettin und wegen der jetzt sehr häufigen Tagesalarme wieder abbestellt. Prompt kam ein Telegramm von Kipp., daß ihn das sehr betrüben würde. Aber es ist nun einmal so: ich gebe das nicht her. Dafür habe ich ihm einen langen, scherzhaft eingekleideten Brief geschrieben, wie er schwerlich einen zweiten erhalten wird. So etwas schreibe ich in einem Zuge, wie auch gestern einen 10 solche Seiten umfassenden Weihnachtsbeitrag (!) für eine Ev. Kriegsgefangenenzeitschrift. Aber hinterher ist dann immer mein Kopf ganz schwach.
Gestern trafen wir bei dem jurist. Freund Titze hier in Dahlem Frau v. Zahn-Harnack und ihn. Sie sind auch total abgebrannt, mit ihrer Habe die ganzen Korrespondenz des alten Harnack.
Deine Leckerbissen schmecken mir sehr gut. Bromural habe ich nun genug. Ich kann es nicht nehmen wegen der zu erwartenden Nachtangriffe, die (seit dem 24./25.III.)
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| allerdings nur noch mit sog. Moskitos erfolgen. Die werfen aber auch ab. Gestern haben wir wieder 1½ Stunden in schöner Sonne und in blühendem Garten vor dem Bunkereingang zugebracht. Heute ist wieder ganz kaltes Wetter, obwohl die Eisheiligen doch vorbei sind.
Daß ich von Herre, von Nieschling (Calw), von Anderl (Südfrankr.) lange Briefe hatte, habe ich z. T. wohl schon erwähnt. Frau Eulenburg meldete sich endlich. Sie ist auch völlig abgebrannt. Heute vor 8 Tagen fuhr plötzlich der Arbeitsdienst vor, um m. Bücher nach Neuhardenberg abzuholen. Sie Sache war leider, weil Susanne dafür wenig Aktivität entwickelte, ganz schlecht vorbereitet. Es ging kaum 1/10 meiner Bestände fort. Aber ich kann das meiste ja garnicht entbehren, solange hier die Semester fortgeführt werden. Ohnehin kann ich vieles nicht ausführen, weil es nur noch die mangelhafte Un-Bibl. gibt.
Die 300 M sind wohl inzwischen eingetroffen? Ich habe einen Artikel für die "Woche" geschrieben. Den aus der Köln. Zeit. bekommst Du in den nächsten Tagen. Zu Pfingsten haben wir natürlich nichts vor. Hoffentlich kannst Du endlich einen schönen Spaziergang machen. Und so bin ich mit herzlichsten Pfingsgrüßen <li.Rand> von uns beiden in treuester Nähe   Dein wackelig gewordener
Eduard.

[Kopf] Rauhuts gehen in 14 Tagen von Lichterfelde fort; brachten gestern einige meiner ältesten Schriften von 1903 an.
[re. Rand S. 1] Prof. Otto Schultze lebt, zeigt aber heute an, daß sein Sohn gefallen ist.