Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Juni 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 3. Juni 44.
Tantchens Geburtstag.
Mein innig Geliebtes!
Wenn diese Regung möglich wäre, würde ich Dich um die schönen Spaziergänge beneiden.
So teile ich sie in wachsender Sehnsucht nach dir und den Neckartal. Es kommt aber eine andere schmerzliche Empfindung hinzu: ich wäre jetzt zu diesen Wegen – nun gar mit Steigerung – überhaupt nicht mehr fähig. Ob mich das Alter unter anderen Umständen auch so früh überfallen hätte, kann man ja nicht wissen. Daß man länger als ein Jahrzehnt eigentlich am Leben – verhindert worden ist, spricht dabei auch mit. Bisher hielt die Hoffnung einen Rest von Spannkraft wach. Aber Hoffen und Harren ..........
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| Sauerbruch brachte aus der Schweiz – auf der Rückreise hat er in Amorbach den 86jährigen Planck operiert – die dort verbreitete Auffassung mit, der Krieg werde noch 2 Jahre dauern. Ein General hier, verständiger Mann, hielt das Gleiche für möglich. Auf kompetenter anderer Seite war man anderer Meinung. Ich auch; denn die jetzige Lebens- und Arbeitsweise muß sich auf die Dauer leider negativ auswirken. Wir mußten an beiden Pfingstmittagen je 2 Stunden am, teils im Bunker verbringen. Damals mußten wir auch fast jede Nacht heraus. Nachts kommen diese infam schnellen Biester, die Luftminen werfen (zuletzt am Botanischen Garten-Station und in Steglitz in der Paulsenstr.) Die wirken kilometerweit. Die amerikanische Tagessprengbombe hat fast garkeine Breitenwirkung, schlägt aber
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| viel tiefer. Handle es sich nun um dies oder um jenes: schon die Erwartung eines Großangriffs geht aufs Herz; ich bin sehr schlapp und sehe miserabel aus. Von Dir hoffe ich, daß der Ellbogenschmerz nun vorüber ist. Warum holst Du Dir eigentlich immer solche Sachen?
Bei Sauerbruch gibt es nach einem kurzen Vorspiel immer gleich Sekt. Da man wenig im Magen hat, wird die Stimmung bald animiert. Beck hielt den Vortrag über Foch. Jessen, den Sauerbruch nach einem schweren Autounfall bei Alarm wieder zusammengeflickt hat (Schädel-, Nasenbein und Fußbruch) war auf der Bahre herangeholt worden. Beck, trotz schweren Brandes im Hause 24/25.III., geht es märchenhaft gut.
Sonst leben wir monoton. Die Flieder- und Kastanienblüte waren herrlich. Aber in der Nähe ist alles so zerstört, daß man nicht gehen mag. Am 24.V. ist auch die Gegend am U-Bhf. Krumme Lanke ganz schwer
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| getroffen worden. (SS. Siedelung.) Wir waren einmal im Drachenhäuschen (Potsdam) und ich allein in der Meierei. Die beiden Filme "Familie Buchholz" haben uns amüsiert. Rauhuts sind heute in den Warthegau abgefahren. Frl. Wingeleit kann anscheinend schon nicht mehr schreiben lassen. Heute fand ich einen Brief von Dessoirs aus – Königstein; hier sind sie ganz abgebrannt. Von der Trauerfeier für Lili Dröscher habe ich wohl schon geschrieben. Meinecke geht es gut; sie ist als Patientin in Buckow. Penck mit ca. 88 Jahren hat mir noch aus Prag geschrieben.
Eine Offensive, wenn sie käme, würde erst unsre Reserven und alle rüchwärtigen Verbindungen ruinieren, nicht mit Durchbruchsversuch beginnen.
Die Kollegs sind gut besucht und machen viel Arbeit. Mit Litt gutes Einvernehmen, Flitner hat zu Briefen anscheinend keine Kraft mehr. Wer wird dann kräftig genug sein, – wenn der Schutt weggeräumt ist – aufzubauen? Früher hatte ich z. B. Reserven: Jetzt??
Du tust mir die größte Liebe und hilfst mir sehr, wenn Du Dich mit allen Mitteln kräftig heilest. Und <li. Rand> da hätte ich nun – zum Beweise meiner Schwachheit – fast vergessen zu sagen, daß die 3 Flaschen Wein gut angekommen und auch schon ausgetrunken sind (wozu <Kopf> 6 Abende gehören.) Ich danke die sehr. Der frz. Rotwein aus München zerfrißt einem beinahe die Eingeweide.
<re. Rand>
Herzliche Wünsche u. Grüße Dein Eduard.

[re. Rand S. 1] Neulich hat jemand behauptet, F. d. G. sei ermordet worden. Er hat dann auch den Beweis geführt; denn er besaß ein Bild "Das Ableben F. <unleserlicher korrigierter Buchstabe> d. Großen nach einem Stich v. A. <Kopf> Menzel.