Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Juni 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 19.6.44.
Mein innig Geliebtes!
Heute kam Dein lieber Brief vom 16.6. Ich sehe daraus, daß Ihr auch so gefroren habt, wie wir. Zum Überfluß hatten wir dabei noch mehrere Gewittter, z. T. mit Paulinzella-Regen. Gott sei Dank arbeitet jetzt über mir – zum so und so vielten Male – der Dachdecker. Scheiben gibt es vorläufig nicht.
Die Ereignisse drängen sich in so betäubender Fülle, daß man nicht alles in Erinnerung behalten kann. Deswegen stelle ich nur fest: Im vorigen August und Anfang September, während wir im Oderbruch waren, haben 3 ganz schwere Angriffe auf Berlin stattgefunden, bei denen u. a. Lankwitz dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Die Aufforderung, Berlin zu verlassen, war also keine unbegründete Angst
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|macherei. Damals gingen solche Ströme von Menschen aus Berlin heraus, daß es (abgesehen von anderen Gründen) unmöglich für ältere Leute wie uns war, in einen Fernzug hineinzukommen. Es war also schon damals nicht nur unratsam, sonder physisch unmöglich, nach Süddeutschland zu reisen. Das hast Du nur vergessen. Und es ist ja begreiflich, daß sich, was man nicht aus der Nähe mitansieht, nicht so einprägt, wie das Selbsterlebte.
Nun stehen wir in einem ganz neuen Stadium. Noch am Tage der 1. Nachricht sagte mir ein Kenner, die neue Waffe sei noch immer nicht fertig. Man wird also abwarten müssen, ob der Vorrat reicht und wie er wirkt. Am Mittwoch wußte mein besonderer Freund davon noch nichts. Er blieb bei seiner neulich angedeuteten Beurteilung der Gesamtlage. Die A. u. E. haben 20 Divisionen (= ca 2–300000 Mann) gelandet. Mehr scheinen sie zunächst nicht beabsichtigt zu haben.
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Manchmal bin ich jetzt in einer ähnlichen Gesamtverfassung wie im Jahre meiner Reise nach Finnland etc. D. h. auch heute könnte ich den Boden nicht finden. Die Alternative bleibt tragisch.
Nach dem Schmarren für die "Woche" habe ich noch etwas Ähnliches für den – Lokalanzeiger geschrieben. Jetzt bin ich bei einem Vortrag für den 24.6. in der Staatwissenschaftlichen Gesellschaft: Entstehungsgeschichte u. Gegenwartsfragen der dtsch. Volksschule. Bei diesen Sitzungen kam meistens ein Angriff.
Gestern hatten wir Bethmanns (Sabine) zu Besuch. Nachher kam unerwartet Dr. Schwind (Japan, Dtsche Schule.) Es ist recht viel zu arbeiten; die meisten Spaziergänge von sonst verbieten sich wegen der gräßlichen Ruinen, die man überall trifft.
Susanne hat die Schwester ihrer Mutter (Tante Sus. Bon) verloren. Das Sterben der Alten erfolgt jetzt meist unter beengten und einsamen Umständen. Keine der 3 Schwestern konnte
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| und kann hinfahren. Ich habe es Susanne sehr nachgefühlt, wie schwer es ihr wurde, der Tante, die ein sehr feiner Mensch war, in den letzten Lebenstagen nicht nahe sein zu können.
Ida versichert, genau die Flaschen geschickt zu haben, die gekommen waren. Nachprüfen kann ich das leider nicht. Es waren langhalsige Flaschen keine französ. Rotweinflaschen.
Wirst Du lange in der Augenklinik zu tun haben. Wenigstens scheint es jetzt so hell zu werden, daß man bei Tage ohne künstliches Licht sehen kann. – Den Benz wollte ich immer einmal für die G.G. auffordern. Aber wenn es so weit ist, können auswärtige Redner oft nicht kommen.
Krieck hat einmal wieder einen Stunk angezettelt: diesmal trifft es indirekt Nicolai Hartmann.
Die Rosen im Garten blühen schon u. die Erdbeeren werden endlich reif. Spargel haben wir nur 2mal zu sehen bekommen.
Man schien so nah am Ziel, und ist nun wieder so fern ......
Wir beide grüßen Dich herzlichst. Mache möglichst viel schöne Spaziergänge.
<li. Rand>
Ich denke täglich an Dich.   Dein Eduard.

[re. Rand] Wenke und Flitner (der in Erlangen geredet hat) haben gestern angerufen.
[re. Rand S. 3] Wolfgang Scheibe hat mir auf die Akademieabhdlg. einen längeren Brief geschrieben. Viel Krankheit bei den Kindern.