Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29. Juni 1944.
Mein innig Geliebtes!
Wir haben vor 2 Stunden – zugleich mit Alarm – die schmerzliche Nachricht erhalten, daß unser Neffe Dieter über seinem Flugfelde in Frankreich von einem Engländer abgeschossen worden ist. Eine ritterliche junge Natur ist zu ihrer Vollendung gelangt. Das letzte, was ich von ihm gelesen habe, waren zärtlich- kindliche Zeilen zum Muttertag an seine Mutter Annemarie. –
So ist dem freundlichen Sonnenstrahl des Geburtstages sogleich wieder eine schwarze Wolke gefolgt, die der gegenwärtigen Realität mehr gemäß ist. – Die drei Schwestern bilden eine solche schöne Seeleneinheit, daß jede den Schlag wie den Verlust des eigenen Sohnes mitempfindet. –
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Du hast, mein Geliebtes, alles und mehr als das heute Vorstellbare getan, um mich zum 27.6. zu erfreuen. Und das ist Dir auch gelungen, am meisten wie immer durch Deine lieben Worte (12.6. u. 24.6.) Sie zu lesen macht immer den feierlichen Moment des Tages. Das schöne Aqarell sehe ich noch in dem Gartenzimmer der Rohrbacherstr. hängen; es hat den sanften Schleier über der Landschaft, den man im Neckartal manchmal sieht (und liebt.) Auch ist es noch
"der Vaterlandsstädte
Ländlich schönste, so viel ich sah."
Die harte Hand der Zeit hat sich leider auch daran insofern vergriffen, als das Glas entzwei ankam. Sonst wäre ein solcher Schaden bald behoben; jetzt repariert es niemand; man muß bis zum – Frieden warten. Die Cakes sind von gewohnter Güte. Das Dextropur ist schon im täglichen Gebrauch. Laß Dir für alle Gaben innigst danken.
Der Tag verlief unruhiger als vorausgesehen. Ich konnte zu Hause sein. Schon früh kam Carl Körner, wohl seit 7 Jahren nicht gesehen, dann
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| ein Leutnant, jetziger Hörer. Nachmittags eine sehr heterogene Gesellschaft: Marianne, Frl. Dr. Jung, Hedwig Koch, 2 Japaner, Dr. Lüdtke, Frau Petersen, Bernhard Schwarz (Augsburg), Fritz u. Käthe Imhülsen, Frl. Dr. Pape (Assistentin vom Philos. Seminar.) – Blumen und Erdbeeren in Fülle, Langewieschebuch über die Reichenau, dringend erhoffte Zigarrenvorräte; gegen 100 Briefe, die ich erst zum Teil lesen konnte. Es fehlen nur Lore, Felizitas u. Reimesch.
Der Angriff am 21. Juni, während ich in der Stadt war, war einer der allerschwersten. Fast die ganze Innenstadt hat gebrannt, manches Gebäude zum 3. u. 4. Mal. Noch heute wird an den Sprengtrichtern gearbeitet. Die Brandwolken waren schwarz wie die Nacht (man sagt: Teer- statt Phosphorkanister.) Das Seminar ist noch einmal davongekommen. Das Nebenhaus (Industrie- u. Handelskammer) ist total ausgebrannt. Schauspielhaus hat auch gebrannt u. hat alle Kulissen verloren, Schloß, Dom, Kronprinzenpalais, Prinzessinnenpalais, Wintergarten, Zentralhôtel; Friedrichstr. überhaupt vom ausgebrannten Bahnhof bis zu den Linden ein Flammenmeer. In der Nacht darauf waren die gefährlichen engl. Störflugszeuge da. Bei dieser
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| Gelegenheit hat der Kollege Ramming (Japanologe) alles verloren. Inzwischen haben wir nachts wiederholt aufstehen müssen. Heute drehten die Amerikaner dicht vor Berlin wieder ab.
Am 20.6. große Beamtenversammlung: Warnung vor Landesverrat, Defaitismus etc. Man lebt als Trappist. Am 24.6. habe ich in der Staatswiss. Gesellschaft (20 Anwesende) über die Volksschule gesprochen. Gestern war Mi-Ge. Sachverständige dort rechnen mit der Entscheidung in diesem Jahr. Mit m. besonderen Freund konnte ich eingehend reden; volle Übereinstimmung. Abscheulich ist nur, daß die Engländer V1 so bagatellisieren.
Eigentlich wollte ich heute eine 2 Seiten lange Schimpfode mitschicken wegen böswilliger und fahrlässiger Chikanierung in der Flaschenangelegenheit. Aber die heitere Laune ist fort.
Heute Nachm. ist öffentl. Leibnitzsitzung der Akademie in dem Drittel des Preuß. Finanzministeriums, das noch steht. Heisenberg redet u. feiert zugleich die 50jähr. Zugehörigkeit von Planck zur Akademie, der sich (obwohl ausgebrannt u. kürzlich von Sauerbruch operiert) mit seinen 87 Jahren dazu selbst hat antransportieren lassen.
Wenke hat am 27.6. telephon. angerufen. – Der liebenswürdige Ernst Otto hat ganz unglaubliche Sachen gemacht. Wer lernt die Menschen genug kennen? Daß der ausgebrannte Dessoir in Königstein (Seitzsche Pension) ist, schrieb ich wohl schon früher
<li. Rand> Schreiten die Zeichnungen gut voran? Verteile sie, damit Du Dich nicht zu sehr anstrengst. Diese Arbeit ist doch jetzt etwas Ungewohntes. Nochmals 1000 Dank und innige Grüße Dein Eduard.
[re. Rand S. 3] Ich habe – fast zum 1. Mal – von kunstgeschichtlichen Werken etwas gehabt. Drost (Danzig) sandte mir eine kl. Studie über die weltanschaul. Hintergründe von Romanik u. Gotik. Mein Schützling Laux sein Riesenwerk über Michelangelos Juliusmonument mit <Kopf> ganz neuer Deutung. Auch im Kolleg mache ich jetzt von solchen Gedanken Gebrauch.