Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Juli 1944 (Berlin/Dahlem)


<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>

17.7.44.
Mein innig Geliebtes!
Auch ich hatte in der letzten Zeit viel zu tun – nicht unmäßig, aber im Verhältnis zu den Kräften. Deshalb die Schreibpause. Von Dir fürchte ich nun, daß Du Dich mit dem Zeichnen, Fahren, Besorgen überanstrengst. Und dann würden mir diese Malepisoden sehr unrecht sein.
Morgen Nachmittag will Hermann, der heute angerufen hat, herauskommen. Ich fürchte, daß er auch zu denen gehört, die keine Landkarte haben. Betrachte die Linie DünaburgRiga; betrachte LuzkTarnopolLembergKarpathen. Grodno (schon jenseits der Memel) ist 150 km von Gumbinnen. Röschen in Lyck hört vielleicht jetzt schon das Schießen.
Die Unruhe der beiden hiesigen Schwestern um die dritte nimmt zu. Es heißt, das im Augenblick niemand nach Ostpreußen hinein und
[2]
| niemand heraus darf. Unzählige Berliner Kinder sind nach Ostpr. evakuiert. Ich hörte von einem Fall, wo eine Mutter die ihrigen abholen wollte und ohne sie zurückkam.
Bethmanns sind noch auf der Nehrung – vielleicht auch so unbekannt mit der Situation.
In der letzten Zeit war ich zweimal mit Sauerbruch zusammen. Das ist immer erfrischend (und wirft Zigarren ab)x) [li. Rand] x) Er zeigte mir seine halb ruinierte Klinik. Das Gleiche (beides) gilt von dem (Sigmaringer) Munk vom Martin-Luther-Krankenhaus, den wir am Sonntag 9.7. in Glienike, jenseits der Havel besuchten. Große Hitze, schwierige Rückkehr mit dem Dampfer.
Mein besonderer Freund hat mir die Lage sachverständig gedeutet. Danach sind wir nicht gerade Hysteriker. Viermal München! Ich sehe das Bild vor mir. – Wir haben seit dem 21.6. nur ein paar der eiligen Nachtangriffe gehabt, bei denen niemand ahnen kann, wo sie hintreffen. Ida möchte durchaus an dem zugesagten Urlaub nach Breslau
[3]
| es waren die zweiten 14 Tage in diesem Jahr – festhalten. Ich verstehe das, bin aber nicht ohne Sorge. Denn 1943 war sie auch gerade in der kritischen Zeit fort.
Solange Deutschland steht, werde ich Manuscripte zu lesen haben. Auch jetzt häufen sie sich. Darunter eines von Uexküll-Sohn. Die Eltern haben sich in Capri fangen lassen. Ich war eine Zeitlang sehr am Rande: abends 60 Puls nach Weintrinken. Sympatol, das ich mir selbst verordnet habe, scheint etwas geholfen zu haben. Aber ich spüre tatsächlich das Alter. Neuerdings habe ich Solospaziergänge eingeführt, da Susanne nicht gern in "meine" Gegenden geht. So war ich in Buch (erinnerst Du Dich an 1910?) u. von dort in Schönerlinde, in Großbeeren (zum 1. Mal) und gestern in Schöneiche hinter Friedrichshagen. Das muß Reiseersatz sein.
Nachdem ich am 4.VII. im Pestalozzi-Fröbelhause über W. Meister gesprochen habe, habe ich mir aus Pflichtgefühl einen weiteren Vortrag aufgeladen, wie Du aus der Karte siehst. Der macht auch Arbeit.
[4]
|
Am 5.8. will ich schließen. Dann – wann!? – muß ich an den Beitrag für die Festschrift für Heinrich Scholz, und an den Nietzscheartikel für Japan [über der Zeile] herangehen. Es gibt keine Pause: die Deutschen philosophieren noch, wenn sie am Fallschirm hängen.
In der Köln. Zeitung ist ein Leitartikel über m. Volksschulabhandlung erschienen, in der Nü Zü Zi etwas von Zollinger darüber.
Ich bin oft sehr elegisch, gedenke der alten Zeit und schließe schon die Rechnung. Meine Vorstellungskraft reicht nämlich über das Heute nicht hinaus. Andre wie der leichte Günthervogel sind jung genug, um Toren zu bleiben.
Gern würde ich Dir etwas von meinen Geburtstagsbriefen schicken, von denen 70 individuell beantwortet sind. Da aber gerade eine solche Sendung neulich zugrunde ging und das Einschreiben dagegen nichts hilft, wage ich es nicht recht. Immer mehr Barrieren richten sich auf.
Mit Hermann werde ich Deiner morgen besonders lebhaft gedenken. Wie ich es ohnehin alle Tage tue. Herzliche Grüße von Susanne und die treuesten Wünsche im Geiste alter, besserer Zeiten!
Dein
Eduard.

[li. Rand] Michelangelo von Romain Rolland noch einmal mit Gewinn gelesen. Kleist Penthesilea mit Grausen.
[Kopf] Mind your head hätte man der Dame v. Wieblingen zurufen sollen.