Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. August 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 4. August 44.
Mein innig Geliebtes!
Unter vielen Seelenschmerzen habe ich in der vorigen Woche meinen Herdervortrag vorbereitet und sogar niedergeschrieben. Am Sonnabend mußt wir dann aus dem Helmholtzsaal in den großen Goethesaal umziehen. Es waren etwa 5–600 Menschen gekommen, und es herrschte eine sehr feierliche Stimmung. Am Mittwoch habe ich bei voller Besetzung die psychologische Vorlesung geschlossen und damit einen innerlichen Erfolg erzielt, wie kaum je. Niemand wollte hinausgehen, bis ich den Ovationen ein Ende machte.
Wir haben einmal von Sigmaringen einen Weg gemacht bis zu der Stelle, wo wir den Bodensee sehen konnten. Daran habe ich Dich um Ostern erinnert. Ich habe Dich in meinem letzten Brief gebeten, die Stelle in jenem Schreiben noch einmal nachzuschlagen.
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Du mußt meine Briefe sehr aufmerksam lesen. "Sonst mach' ich mir die Miehe nich!" Auch wenn ich von meinem besonderen Freund rede, ist es wohl der Mühe wert, darauf hinzuhören.
Gegen meine Einsamkeit ist nichts zu machen, auch nichts durch Deine liebe geistige Nähe. Wenn das 5. Kriegsjahr erreicht ist, ist es wohl begreiflich, daß die meisten, die mir nahestanden, gefangen oder getötet sind. –  –
So ist nun auch unser Refugium zerstört; wir werden hier bleiben müssen. Andern ist ja noch sehr viel mehr zerstört. –
Annemarie Heß (geb. Conrad.)
Gumbinnen.
  –    Dr. R. Heß
        Stabsarzt z. Z. in Lahr.
<Strich zu Annemarie Heß><Strich zu Annemarie Heß> <Strich zu Annemarie Heß><Strich zu Annemarie Heß>
    Haide
beim Roten Kreuz.
Rutker
vermißt.
Dieter
gefallen.
    Günther
z. Z. verwundet beim Vater.
Annemarie hat, entgegen unsrem Wunsch, Gumbinnen noch nicht verlassen. Es ist begreiflich, daß sie die Tochter nicht allein zurücklassen will. Auch wartet sie auf Dieters Sachen. Aber wie kommt Sie dann heraus? Allein reisefähig ist sie kaum. Die Memeler, mit 2 Ubootsschwiegersöhnen, kommen vielleicht mit dem Schiff fort.
Meineckes sind vorgestern nach Schreiberhau abgereist. Nun habe ich hier niemanden mehr. Ida ist seit 8 Tagen in Urlaub – seitdem hatten wir keinen Alarm, und Frl. Dr. Jung geht am 7. August auch fort. Sie hat nach dem großen Schaden im Seminar, das man heute noch mit Lebensgefahr betritt, die Bücher aus dem Schutt herausgeholt und weitere 10 Kisten gepackt, die ich hoffentlich noch herausbekomme. Sie ist unbeschreiblich in ihrer Aktivität, dabei aber so überreizt, daß sie mit allen Leuten Streit bekommt, ziemlich blind für gegenwärtige Dinge (womit sie nicht allein steht) und ohne Sinn für diejenigen Seiten der Beamtenstellung, die nicht auf freien Impuls, sondern auf Pflicht beruhen.
Was ich in der letzten Zeit durchgemacht habe, müßte eigentlich eine fühlende Seele völlig lähmen. Aber ich habe so eine Art von Ahnung, daß ich durchkomme. Und dafür lebe ich.
Nun hast Du für heute wohl genug zu lesen. Ich danke für Deinen heute eingetroffenen lieben Brief. Bei Tagesangriffen ist es nicht so not
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|wendig dauernd im Keller zu sein, weil man ja bemerkt, ob etwas in der Nähe los ist und weil die amerikanischen Bomben keine Breitenwirkung haben. Nachts, wenn die Engländer kommen, muß man im Keller sein. Deren Bomben strahlen bis 500 m und mehr in der Wirkung aus; mindestens ist man durch Glassplitter gefährdet. Wohl dem, der über solche Dinge heute noch ohne Erfahrung ist! Das Dextropur habe ich mit Dank erhalten, es ist bereits im Gebrauch.
Ich verlasse mich darauf, daß Du von jetzt an aufmerksamer liest. Schwackenreuthe hätte Dir wohl in Erinnerung sein können. Neulich hat mich ein Dauerhörer meiner "Einleitung in die Philosophie" besucht. Am nächsten Tage war er verschwunden. Ist der Turban mit dem Davoser Arzt verwandt?
Innige Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

[li. Rand] Kultur u. Erziehung, 3. Aufl. S. 81 habe ich gesagt, wie Goethe es mit alten Briefen machte.