Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. August 1944 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 15. August 44.
Mein innig Geliebtes!
In den 14 Tagen, die Ida Urlaub hatte, haben wir nachts keinen Alarm gehabt. Seitdem sie wieder da ist, kommen jede Nacht gleich nach 12 die unheimlichen englischen Störflugzeuge. In dieser Nacht, waren sie schon vor 12 da. In Dahlem fiel eine ganz schwere Bombe; es soll im Kaiser-Wilhelm-Institut getroffen sein, 7 Minuten zu Fuß von uns. Die Erde im Bunker wankte. Schaden bei uns war nicht.
Ich bin mal wieder ziemlich am Rande, wie ich überhaupt einen 2. Bombenwinter kaum aushalten werde. Wir haben daher die Anregung von Frl. v. Kühlwein, ein paar Tage nach Freienwalde, das noch innerhalb der Freigrenze liegt, zu kommen, schnell angenommen. Der uns persönlich unbekannte Arzt des dortigen Krankenhauses stellt uns freundlich sein Fremdenzimmer zur Verfügung.
Dein am Montag eingetroffener lieber Brief läßt mich vermuten, daß Du nun verstanden hast, anscheinend auch nur teilweise. Du mußt alles genau lesen. Jedesmal.
Das Gut Althof ist vollständig geräumt, das Jungvieh geschlachtet, die Kühe fortgetrieben, die Frauen auf Leiterwagen hinausgebracht, die Männer beim Militär. Annemarie ist in Lahr eingetroffen.
Von der Mige sind 3 dauernd verreist. Es lohnt kein Zusammenkommen mehr.
[2]
|
Wenn man ein glückliches Familienleben gekannt hat, so ist ein Unfall mit dem Gespann nichts gegen die Wunden, die der Krieg schlägt. Nähere Nachrichten fehlen. Wir sind unsagbar traurig. Ich halte mich moralisch nur mit Mühe aufrecht.
Und so kann ich Dir auch nicht viel über Sonstiges schreiben. Gestern waren die Schröders bei uns, mit denen wir 1932 in Oberstdorf zusammen waren. Sie sind total ausgebrannt und wohnen jetzt nicht weit von uns.
Das Schicksal von Frl. v. Wingeleit in Lyck ist vollkommen unbekannt. Frau Rohde lebte ja auch in Memel.
Von Deinen Kurven zu hören, wird mich interessieren. Die Hauptkurve geht stark und schnell nach unten.
Recht besorgt bin ich wegen der Ernährungsfrage, da wir Litauen etc. nicht mehr zur Verfügung haben.
Dem Felix Krüger habe ich zum 70. Geburtstag gratuliert. Er ist durch einen Schlaganfall eine rechte Ruine geworden.
Frl. Jung ist im Urlaub. Im Seminar ist noch nichts repariert. Die eine Wand meines Zimmer steht so \ . 10 weitere Kisten Bücher stehen zum Abtransport bereit. Aber die Wagenfrage wird immer schwieriger. Ich selbst kann hier nicht mehr die Bücher haben, die ich eigentlich brauche. Nun – die Königsberger Kollegen bis 65 sind bereits zum Schippen abkommandiert.
Ich habe 300 M überweisen lassen. Frage doch so etwa in 14 Tagen einmal nach.
<li. Rand>
Innigste Wünsche u. Grüße
Dein Eduard.