Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. August 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20. August 44.
Mein innig Geliebtes!
In den letzten Tagen sind Mannheim und Ludwigshafen so oft erwähnt worden, daß ich sehr auf eine Karte hoffe. Ich selbst habe nur einmal eine Nachricht ausgelassen – schnöder Weise, um zu sehen, ob Du die Zeitung liest.
Heute vor 8 Tagen ist etwas Betrübliches geschehen: ohne jeden äußeren Anlaß löste sich der Rahmen des von Dir aquarellierten Dilsbergbildes auf. Da darunter 3 Sandtüten standen, blieb das Glas erhalten, und so habe ich leider zwei beschädigte Bilder, die z. Z nicht hängen können.
Die Fahrt nach Freienwalde war eine Abwechslung, aber keine Erholung. Im Gepäck hatten wir das ganze Bettzeug; ich mußte die schweren Sachen ½ Stunde weit, z. T. bergan, schleppen. Der Aufenthalt selbst, bei bestem Wetter
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| war angenehm; wir waren viel mit Frl. v. K. und ihren Freunden, dem Ministerialdirektor a. D. Hartwig und Frau (Vater war Lehrer des Kaisers in Kassel) zusammen, denen wir das nette Zimmer verdankten. Am Freitag kam Frl. Knoche (frühere Schülerin, ausgezeichnete Studienrätin in Eberswalde) herüber. Wehmütig war die Assoziation der räumlichen Nähe. Wie viel Familienglück ist zerstört!
In F. hatten wir von 4 Nächten 3 mit Alarm. Beim Heimkommen (sehr gute Fahrt) hatten wir eine unangenehme Überraschung. Die arme Ida hatte eine sehr schlimme Bombennacht hinter sich. Das Dach ist wieder mal stark beschädigt, ebenso weitere Fenster und Türen. Die Luftmine ist wieder unmittelbar hinter (Gottlob) dem Museum gefallen, zum 3. Mal fast an genau dieselbe belanglose Stelle. Objekt kann höchstens das große Museum sein; die Abweichung kann aber auch einmal nach der anderen Seite liegen.
Ferner fand ich zu Hause eine Zahnarztrechnung – über 465 M. Ich habe ein neues Unterstück
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| machen lassen (müssen.) Es sitzt gut und fest, hat aber eine Stelle, die trotz zweimaliger Besserung Schmerzen verursacht.
Hinsichtlich des 100 jährigen Kalenders habe ich längst dieselbe Frage wie Du; ich habe ihn niemals gesehen.
Glasenapps sind an sich bei Seitz, z. Z. aber zu einer Kur in Steiermark.
Vom Verlust von Althof habe ich schon geschrieben. Man muß die Heeresberichte mit der Karte lesen. Das im Westen sieht doch sehr ernst aus.
Von den 3 Verreisten habe ich nur teilweise Nachricht. Die eine stand ja in ihrer ganzen Schwere schon fest. Die beiden anderen haben nichts von sich hören lassen.
Das Schwierigste in F. war die Verpflegung. An einer Stelle haben wir 1½ Stunden gewartet, Warten abgegeben und nichts bekommen.
Du wolltest mir über die Entdeckungen von Dr. Cibis einmal etwas schreiben. Heute ist es sehr heiß, deshalb höre ich auf. Das Arbeiten wird mir auch aus vielen Gründen schwer.
Innigst
Dein
Eduard.

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Gleichzeitig mit Deinem lieben Brief erhielt ich die Nachricht, daß Druckunterlagen und Neusatz meines "Goethe" in Stuttgart wieder verbrannt sind. Nun wird daraus überhaupt nichts werden. Denn alles von der Art hört ja auf. – Wenn uns Ida genommen wird, wird die Sache recht schwierig. Du weißt wohl, daß Susanne das Stehen nicht erträgt.