Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. August 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27. August 44.
Mein innig Geliebtes!
Die Nachricht über Euren Dieter hat mich sehr betrübt. Es scheint ja, daß keine Gefahr mehr besteht. Aber ob er bei dem ärztlichen Beruf bleiben kann? Eine große Sorge für Hermann! Adalbert Körner ist nun auch im Osten vermißt, vermutlich mit größerer Abteilung abgeschnitten. Der Ersatztruppenteil kann keine Auskunft geben. Ob Anderl Witting aus der Gegend Biarritz noch herauskommen wird.
Die 300 M. mußt Du natürlich behalten. Einen beträchtlichen Teil davon hast Du ja schon für Zuwendungen an mich ausgegeben.
Wir haben hier ein so stabiles, wundervolles Sommerwetter, wie es viele Jahre nicht gewesen ist. Mir tut die Wärme wohl. Susanne erliegt ihr fast. Ich mache nachmittags oft allein meine kleinen Spaziergänge im Norden und Osten, seltener im Westen, lasse dabei die Bilder der Vergangenheit an mir
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| vorüberziehen, sortiere mein Inneres und frage mich, ob man auch eine Zukunft einbeziehen darf.
Wir hatten Besuch von dem seltsamen Neckargemünder Arzt Dr. Hübschmann, der immer etwas Heidelberger Assoziationen in mir wachruft.
Ein Wintersemester wird für meine Fächer wohl nicht stattfinden. Vielleicht schippe ich auch demnächst irgendwo; mancher Altersgenosse tut es schon. Um Dir das Lesen zu erleichtern, habe ich auf einen Zettel einiges aufgeschrieben, der aber dann überflüssig ist.
Wir haben 3 mal nachts Angriffe von sog., anscheinend recht zahlreichen Störflugzeugen gehabt, gestern schon um 23.11. Bei Tage war zweimal Alarm, wodurch das bißchen Arbeitskonzentration dann noch mehr beeinträchtigt wird.
Gern machte ich einmal Deine schönen Spaziergänge mit. Aber es heißt: entsagen und ertragen. Zum 31.8. das wärmste Gedenken. Und ebenso werde ich des Mittags auf der Terrasse der Konziliumshalle gedenken, das nun 5 Jahre zurückliegt.
In der Festigkeit gemeinsamer 41 Jahre
Dein
Eduard.