Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. September 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 4.9.44.
Mein innig Geliebtes!
Deinen lieben, schönen Brief wollte ich in recht gesammelter Stimmung beantworten:
"Jeden Nachklang fühlt das Herz.
Alt und neuer Zeit."
Aber es ist ein Verhängnis, daß uns keine Ruhe gegönnt ist. Ich muß heute etwas anderes voranstellen. Die Amerikaner sind, wie es heißt, schon in Metz; sehr bald können sie in Saarbrücken sein, und von da ist der Rhein nicht weit. Wir müssen uns auf die weitere Entwicklung einstellen. Ich denke so: Findet von uns am Rheinufer kein Widerstand statt, so wird Heidelberg (als intakt) stark besetzt werden, und für diesen Fall sind ein paar Lebensmittelvorräte dringend nötig. Sonst sehe ich für Dich, bei Deiner verborgen gelegenen kleinen Wohnung, keine Gefahr. Ich würde also empfehlen zu bleiben, wo Du hilfreiche Freunde hast. Anders ist es, wenn die Pfalz oder Baden eigentlicher Kriegsschauplatz werden. Das mußt Du beobachten (Transporte, Schanzarbeiten etc.) Dann wäre es ratsam, fortzugehn. Empfehlen kann man
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| Berlin am wenigsten. Aber hier würden wir Dich mit offenen Armen empfangen. Ein richtig geeignetes Zimmer wäre leider nicht da (Eines zwangsvermietet, Idas nicht mehr bewohnbar, so daß sie unten schlafen muß.) Jedoch rückt man in solchen Fall zusammen. "Sicherer" wärst Du auf der Reichenau, die nicht Kriegsschauplatz wird. Dann mußt Du aber schon jetzt Emmy fragen, ob sie ein Notquartier für Dich hätte. Anderes als ein Notquartier kann jetzt niemand erhoffen. Badensern wird es ja hoffentlich erlaubt sein, in Baden zu bleiben. Für Berlin ist das nicht so sicher. Bitte behalte beide Wege im Auge. Im allerletzten Moment ist jede Fahrt gefährlich!
Die Asclepias ist wunderschön. Den Blick vom Tillystein hätte ich nicht erkannt. Wir waren nur einmal dort. Ich freue mich sehr über beides, erhoffe weitere Erläuterung zu den Netzhautbildern.
Frau Kühn entschließt sich hoffentlich, wiederzukommen. Man muß heute etwas zulegen. Naturalien hat man leider selbst nicht.
So seltsam es klingt: ich bin plötzlich mit Arbeit überlastet. Nr 1 ist immer die Korrespondenz, die garnicht zu bewältigen ist (oft ja auch erfreulich, wie an dem Tage, an dem ich von 3 über 80jähr. Freunden schöne Briefe erhielt (Faber 82, Schmidt-Ott 84, Schmidt-Köhne 91.)x) [li. Rand] x) Dazu kommt noch ein herrlicher Brief des 87jähr. Penck. Ich habe in den letzten
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| Tagen für Heinrich Scholzens Festschrift (60 Jahre) einen Beitrag hingeschrieben, der schon auf 60 Seiten Dinformat gediehen ist. Weil nun am 1.X. alles Drucken solcher Dinge aufhört, soll ich das Ganze schon in wenigen Tagen fertig haben. Ich finde aber niemanden, der es abschreibt, muß es ev. selbst mit der Hand. Daneben arbeite ich noch an dem Nietscheaufsatz für Japan, für den es allerdings wohl zu spät sein wird; eine große Mühe! Ein Vorwort zu Fichtes "Bestimmung des Menschen" mußte ich heute absagen. Es ist nicht zu schaffen.
Bernhard Schwarz hat in Darmstadt bei unangezeigten Sprengungen des Militärs das Unglück gehabt, daß ihm ein Fuß zertrümmert wurde. – Mit einer rumänischen Studentin bin ich bis zur buchstäbl. Erschöpfung durch die Stadt gelaufen, um ihre Situation zu klären. Tags darauf interessantes Gespräch mit einem geistvollen Rumänen über Kulturübertragung (am rum. Beispiel.) Rudolf Litt u. andere mir näher Stehende sind in Finnland. – Hast Du bemerkt, daß seit 2 Tagen V, nicht mehr im Heeresbericht vorkommt?
Telegramm vom Seyß-Inquart, daß ich "wegen meiner hohen Verdienste um die deutsche Kultur" zum Ehrensenator der Deutschen Akademie München ernannt sei. Du erinnerst Dich von Tölz-Vorderriß dieser "alten Liebe."
Von den Verreisten keine neue Nachricht. Ich bin sehr bedrückt.
Frl. Jung ist wieder da.
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Ich weiß nicht, ob ich morgen noch etwas hinzufügen kann. Der Brief hat eine gewisse Eile, und alle Post geht jetzt langsam. Bewerte ihn nicht als Antwort auf Deine lieben Zeilen zum 100. Geburtstag Deines teuren Vaters, sondern als eine notgedrungene Verständigung für den schlimmen Fall. Es wäre traurig, wenn nun auch die Postverbindung noch abrisse.
Innigste Grüße und Dank!
Dein
Eduard.

5.9.44.
Heute Nachricht, daß das Lazarett aus Lahr bereits fortgeschafft werden soll; vielleicht auch sonst schon Räumungsmaßnahmen. Solange Korrespondenz nach der Schweiz möglich sein sollte, gebe ich als Adresse an: Prof. Dr. Zollinger, Zürich VII, Kempterstr. 7 – Die Aufregung hier wächst! Dein Eduard.