Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 15. November 44.
Mein innig Geliebtes!
So lange ist unser Briefwechsel m. W. seit 41 Jahren niemals unterbrochen gewesen. Du kannst Dir auch denken, daß der Umstand, aus dem mein Nichtschreiben können folgte, die schwerste und bitterste Erfahrung meines Lebens war. Heute jedenfalls möchte ich dabei nicht verweilen: innerhalb einer Stunde aus einer weltbekannten Person in eine verfügbare Sache verwandelt zu werden, ist nicht leicht. Militärischer Gehorsam und elende Dürftigkeit (bis zu Wanzen) sind garnicht das Schlimme gewesen; sondern die seelischen Qualen (unter denen "Gewissensbisse" absolut fehlten und fehlen durften) und der Druck auf das ganze physische System (besonders das Herz.) Hoffnung und Verzweiflung haben mannigfach gewechselt. Fast
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| am schwersten war es zuletzt, daß Susanne mich schon am 2.XI. zu holen ankündigte und dann die ganze Sache ins Stocken geriet und erst gestern mit vieler Nachhilfe sich löste.
Ich bin über das Objekt (bei mir lag ja keines vor, sonst wäre ich nicht frei) zum Schweigen verpflichtet. Rückblicke sind mir auch besonders in diesem ersten Gruß, der morgens vor 9 eilig geschrieben wird, nicht so wichtig wie der Dank an Dich, daß Du mit Deiner lieben und liebevollen Seele mir immer nahe warst, alles mitgetragen und mir auch einen Brief geschrieben hast, hinter dessen notgedrungen neutralen Worten ich doch alles gefühlt habe, was Dich bewegte: Deine Kakes waren ebenfalls ein lieber Gruß, samt dem Kasten, der Deine immer wieder mit vollem Herzen betrachtete Handschrift trug. Nur eines muß ich heute berühren: Du hast mich oft in meinem
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| Leben eigentlich fürs Leben "gerettet"; so 1903, 1910, 1917/7, 1933, um nur die wichtigsten Marktsteine zu erwähnen, und ich habe auch diesmal – das darf ich wohl sagen: die Kraft Deiner Gebete ganz deutlich gefühlt. So hast Du in keinem, was möglich war, hinter Susanne zurückgestanden. Des halb wirst Du auch gern hören, wenn ich nun sage, daß Susanne, die Du auch lieb hast, sich geradezu einzigartig bewährt hat: von einer Energie, Urteilssicherheit im großen, feinfühliger Fürsorge im kleinen und kleinsten, über die ich voll Bewunderung und tiefer Dankbarkeit bin. Es sind sehr viele Register, bis zu hohen und höchsten Stellen von ihr gezogen worden; sonst wäre ich heute noch nicht frei. Dies alles hat sie ganz einzigartig gemacht und mich durch ihre täglichen Besuche an der Pforte samt den kleinen Grußzetteln buchstäblich aufrecht erhalten (am Sonntag wurde dies System verboten!!) Ich habe Gott sehr dankbar zu sein, für Dich und für sie, und ich sehr zum Religiösen hin vertieft.
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| Das einzige, was ich in meiner (4 : 6 m großen) Zelle geschrieben habe, waren Gedanken in dieser Richtung.
Trotz der mir täglich gebrachten glänzenden Verpflegung bin ich im Augenblick ein Skelett; (von der Seele her, wie auch durch den Fortfall so vieler Gewohnheiten; rauchen durfte ich übrigens.) Heute hoffe ich mich von Kurzrock untersuchen lassen zu können. Übrigen hat sich Freund Prof. Munk vom Martin-Luther-Kr. auch dafür zur Verfügung gestellt. Wie viel Freundschaft habe ich auch sonst erfahren! Ich muß aber jetzt kurz abbrechen, weil wir sofort zu Kurzrock kommen sollen. Du verstehst, daß ein erster Brief nicht alles enthält. Du solltest aber zu allererst ein paar Zeilen von mir haben. Ich liege in Gedanken an Deinem lieben treuen Herzen und grüße Dich mit tausend guten Wünschen in der zeitlosen Liebe, deren wir beide gewiß sind, samt ihren Verheißungen für Zeit und Ewigkeit. Herzlichste dankbare Grüße auch von Susanne. Dein
Eduard.

[li. Rand] bitte von jetzt an jeden Brief mit Datum bestätigen.