Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. November 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 17. November 44.
Mein innig Geliebtes!
Gestern habe ich Dir einen Brief geschrieben. Es war meine einzige geistige Leistung am Tage; ich habe auch noch nichts von den Eingängen der Zwischenzeit gelesen, nicht einmal Deine Briefe an Susanne, habe nur von der Gasbeschränkung in Heidelberg gehört. Gemeinsame Herdbenutzung ist immer sehr unangenehm. Ließ sich nicht mit Boutmys etwas vereinbaren? (Wegen des Anklangs: mein Schüler und Freund Buttmann ist im Felde verunglückt. Daß der alte v. Uexküll gestorben ist, wirst Du wissen, in Capri, kurz vor dem 80. Geburtstag.)
Wir waren also gestern bei Kurzrock. Im Gegensatz zu dem Militärarzt von 1942 hat er am Herzen nichts besonderes gefunden, nur sehr leise Herztöne. Der Blutdruck ist dem Alter entsprechend erhöht, aber in diesem Sinne noch normal. Gegen die nervösen Herzzustände (Beängstigungen) hat er mir allerhand verschrieben, was es nicht mehr gibt. In der Hauptsache bin ich also gesund, und ich fühle auch, daß ich bei einiger
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| Seelenruhe wieder schnell in die Höhe kommen kann. Der Körperumfang ist allerdings jammervoll; aber der Appetit gut, und jetzt wird es auch anschlagen. In den Wochen, in denen ich – mit oder ohne Grund – keine Zukunft mehr sah, haben mir die fettesten Leckerbissen nichts geholfen.
Geholfen hat mir aber auch die eigentliche Philosophie nichts, nicht die Stoiker, nicht Hegel, nicht Goethe. Die direkt religiöse Frage hat mich tief ergriffen. Ich habe verstehen gelernt, daß das Dunkel, in dem wir auf Erden wandeln, etwas Unerträgliches, Unheimliches ist, ebenso aber, daß der Gewinn der christlichen Überzeugungen auch nur eine Gnadengabe Gottes sein kann, wie Luther, mir bisher unverständlich, gesagt hat. Damit bin ich aber auch nicht bis zum vollen Besitz gekommen, obwohl ich sehr darum gerungen habe. Fromm gesprochen, hat Gott mich vom ersten Tage fühlbar in Seinen gütigen Schutz genommen. Er hat mir in diese Elendswelt sogleich einen Menschen geschickt, ohne den ich die schwere Zeit nicht überstanden hätte. Dem werde ich fortan
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| in tiefster Freundschaft und Verpflichtung verbunden bleiben. Vorerst kann ich nicht mehr an ihn heran.
Von den seelischen Qualen der Haft, wie gerade ich sie empfunden habe, läßt sich schwer ein Bild geben. Denke Dir einen Menschen, der schwindlig ist, auf einer Turmspitze ohne Geländer gefesselt – so ungefähr steht man am Abgrund. Meine (konstitutionellen) Angstzustände kleideten sich schon früher immer in das Bild, in einer Enge, z. B. einer Höhle, ohnmächtig eingeschlossen zu sein. Das habe ich nun real erlebt. Habe ich schon gestern erwähnt, daß nur bei Alarmen (sonst die ganze Nacht nicht) das Licht gelöscht wurde, und daß man dann eingeschlossen, 2 Treppen hoch, das ganze Donnern und Sausen mit anhören mußte?
Eine andere Erfahrung dieser Zeit ist, daß genau aus den 2 Lebensverhältnissen [über der Zeile] kreisen, die noch als schön und belebend übrig geblieben waren, das ganze Unglück für mich entstanden ist. Auch da ist alles noch enger geworden. Wie ich höre, ist das Reisen z. Z. überhaupt verboten. (Gestern hat jemand von Göttingen hierher 16 Stunden, ein anderer von Bielefeld 24 Stunden gebraucht.) Wann wird man sich einmal wiedersehen?
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Wie steht es mit Dieters Aussichten seinen Beruf fortzuführen? Könnte er sich etwa als Nervenarzt spezialisieren?
Auch ich bin dem Berufsinteresse augenblicklich sehr fern gerückt, obwohl ich nun am 25.XI. anfangen will und soll. Ein Kolleg: Sokrates u. Plato. In Moabit las ich in den Bänden Plato, die wir 1916 mit in Freudenstadt gehabt haben. Da fand ich manche Randnotiz von Deiner Hand.
Sehr viel echte Freundschaft ist mir, wie ich jetzt höre, in der Zwischenzeit bewiesen worden. Mir ist aber, als ob ich ins Leben erst wieder hineinwachsen müßte. Meine Natur ist doch tief melancholisch und sentimental. Das brach nun, da die Gegenmittel abgeschnitten waren, wieder quälend hervor. Ich dachte an so manche unsrer gemeinsamen Stunden, aber mit dem furchtbaren Gefühl der Vergänglichkeit (da ja wohl eben Quelle unsrer Ewigkeitsahnungen ist.) Ich dachte am oberen Ende der Invalidenstr. an die guten und schweren Schicksale, die ich vor 33 Jahren und später am unteren Ende gehabt habe. Ich darf wohl sagen: unmittelbarer habe ich nie vor Gottes Angesicht gestanden. Aber auch dies spielte immer wieder hinein: Wie viel objektiv Schweres haben jetzt und sonst andre Menschen durchzumachen! Ich habe den größten Anlaß, Gott sehr dankbar zu sein.
<re. Rand> Nimm es hin, wenn ich jetzt solche abgerissenen Briefe schreibe.
Ich habe das Bedürfnis, viel über die Brücke zu gehn, die nun wieder offen ist.
<li. Rand> Gesterm 7¼ wieder Alarm- u. Bunkergemeinschaft, feucht u. kühl. Zelle 2 x 4 m
<Kopf>
Innigste Grüße Dein Eduard