Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22. November 44.
Nr. 4.
Mein innig Geliebtes!
Neuerdings treffen Dein Postsendungen mit beträchtlicher Verspätung ein. Ein Kartenbrief an Susanne vom 4. November war am 20. hier. Heute kam Deine eingeschriebene Sendung mit Dextropur vom 16. November. Ich habe also seit meiner Rückkehr von Dir noch keine Nachricht erhalten. Von hier ist am 14.XI. eine kurze Karte abgegangen, am 15.XI. und am 16.XI. je ein Brief. Diese Zeilen wären also Nr. 4. Ich wünsche natürlich etwas über Dein Ergehen in neuester Zeit zu hören. Woran mögen die Verzögerungen liegen?
Inzwischen habe ich nun alle Deine lieben erst an mich, dann an Susanne gerichteten Nachrichten gelesen. Ich bin für jede sehr dankbar, besonders auch für die Erläuterung der neuen Augenuntersuchungsmethode. Die Zeichnung verstehe ich doch noch nicht ganz.
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| Alle Sachsendungen hat Susanne dankbar bestätigt. Ich hebe außer den selbstgebackenen Cakes und mehrfach Dextropur nur die 3 Flaschen hervor. Der frz. Cognac befindet sich im Ausschank und tut gerade jetzt gute Dienste. Du hast mit allem wieder sehr viel Mühe gehabt. Alles aber war ein lieber Gruß von Dir.
Daß du selbst mit den Augen Beschwerden hast, tut mir sehr leid. Ob denn die neue Brille jetzt herzustellen sein wird? Man sagt, daß Augenbeeinträchtigungen auch mit dem Kriege zusammenhängen, und zwar, weil Vitamin A fehlt. In Moabit störte mich eine Bindehautentzündung. Ich habe sie dort 4 mal behandeln lassen. Jetzt merke ich nichts mehr. – Gestern waren wir freundschaftlich bei Munk. Er hat mich bei dieser Gelegenheit liebenswürdiger Weise untersucht und fand ebenso wie Kurzrock am Herzen nichts Besonderes; Blutdruck mit 150 für mein Alter normal. An einem kleinen Rückschlag des Befindens hat es jedoch nicht gefehlt. Nachts und auch gegen Abend traten Beängstigungen
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| auf. Ich vermute, daß sie mit der von Kurzrock verschriebenen Herzmedizin zusammenhingen. Die habe ich nun fortgelassen, und es geht dadurch allmählich besser. Der Appetit ist stark; ich nehme zu, und auch Munk war zufrieden. Langsam nehme ich den Verkehr mit den Freunden wieder auf. Heute hatte ich die erste Sprechstunde mit etwa 20 Besuchern; nachm. war Senzoku hier. Unter den Sprechstundenbesuchern war auch eine von früher bekannte Studentin Wilfriede Haberkorn aus Heidelberg, Dantestr. Sie fährt wegen spinaler Kinderlähmung im kleinem Wagen. Vielleicht ist sie Dir schon aufgefallen. Sonntags waren wir in Potsdam, wo sich nun alle 3 Schwestern vereinigen. In einer Zeit wie der unsrigen, tut ein solcher Rückhalt wohl.
Daß Du nicht nach Dielbach gegangen bist, ist mir doch lieb. Es wird Dir schwer möglich sein, deine Ausgänge so einzurichten, daß Du in keinen Alarm hineinkommst. Aber wenn er Dich überrascht, solltest Du mir zuliebe die Nähe des Bahnhofs und der Brücke möglichst schnell verlasssen, ev. ein Stück dem Weg zum Geisberg hinaufgehen. Leider liegt ja H. auch schon beinahe
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| im Operationsgebiet.
Die alten lieben Patiencekarten von Tantchen sind durch täglich unmäßigen Gebrauch in M. schon recht mitgenommen. Aber es war immer auch eine liebe Erinnerung, wenn ich sie benutzte.
Plötz, der nach Japan mein Assistent werden sollte, ist im Osten gefallen; im Westen ein junger Dr. Buttmann, der mir nahestehend. Der Lehrer Möller (Hattenheim!) war kurz vor dem 8.9. gestorben. Du weißt, daß wir bei seiner Tochter Frau Dr. Reeh (jetzt in Kelheim) in Johannesmühle waren.
Ich habe sehr viel tätige Freundschaft erfahren, besonders auch von Frau Biermann, der ausgezeichneten Frau und von Kiehms. Mit dem Leipziger Freund glückt hoffentlich in der nächsten Woche eine Begegnung in Jüterborg, obwohl solche Pläne auch hier kaum noch ausführbar sind. Mit den Dankbriefen komme ich nur langsam vorwärts. Schonung ist noch erforderlich.
Schreibe bitte recht oft eine Karte. Man weiß nicht, wie lange das noch funktioniert. Mit vielen innigen und dankbaren Grüßen, auch von Susanne. Dein getreuester
Eduard.