Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. November 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 26. November 44.

Nr. 5.
Mein innige Geliebtes!
Unsre Postverbindung ist z. Z. ganz elend. Bisher habe ich von Dir nur eine kurze Nachricht erhalten, datiert vom 20. gestempelt 22., eingetroffen 24. Es ist leider zu fürchten, daß diese Postverhältnisse noch schlimmer werden. Da es aber selbst mit dem Rheinland noch besser geht, ist wohl auch etwas badische Saumseligkeit dabei.
Mein Befinden hat günstige Fortschritte gemacht. Ich weiß nicht, ob ich schon geschrieben habe, daß Munk bei der Herzuntersuchung auch nichts gefunden hat und über den Blutdruck das selbe sagte wie Kurzrock. Am 24.XI. habe ich das Seminar begonnen, mit 30 Teilnehmern. Gestern, bei Eröffnung der Vorlesung, ereignete sich etwas Aufregendes. In der Nacht war unmittelbar vor der Universität eine schwere Bombe gefallen. Die Vorlesung müßte weit weg, ins Hygien. Institut, verlegt werden. Ich hatte anschreiben lassen, daß keinerlei Begrüßung stattfinde; Blumen wurden beseitigt.
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| Trotzdem wurde ich bei Betreten des vollbesetzten Hauses mit einer wirklichen Sympathiekundgebung begrüßt. Kaum hatte ich 5 Sätze gesprochen, als ein SS-Mann den Hörsaal betrat und – mich herausbat. Einiges Mißfallen wurde laut. Es handelte sich dann nur darum, daß die versammelten Hörer zu Aufräumungsarbeiten in der Un. verpflichtet werden sollten, was in rigoroser Form geschah, während ich unverrichteter Sache wieder abzog. Aus der Vorlesung kann nun nichts Gescheites mehr werden.
Viele Freundschaftsbeweise erhalte ich, und entsprechend ist maßlos viel zu schreiben. Auch viele Besuche.
Dein Lehrer Dettmann ist im 80. Jahr gestorben.
Das im Hause jetzt 3 Zimmer belegt sind, hast Du wohl von Susanne gehört. Unten haben wir nur eines. Angenehm ist das nicht, aber es gibt Schlimmeres.
Schreibe doch, solange es noch möglich ist, recht off eine Karte über Dein Ergehen. Der Fall Straßburgs macht mich natürlich besorgt. Sollte es wider Erhoffen schlecht gehen, so wird Heidelberg gewiß kein Knotenpunkt der Ereignisse. Aber Du mußt immer sehr vorsichtig sein, in jeder Beziehung, und <li. Rand> schon jetzt!
Innigste Grüße von uns beiden!
Dein Eduard.