Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Dezember 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6. Dezember 44.

Letzterhaltenes Schreiben
vom 29.XI, eingetr. 2.XII.
Letztabgesandt die Zeilen
wegen Würzburg, wohl
Nr. 6.   also:       Nr. 7.
Mein innig Geliebtes!
Der Vereinbarung gemäß muß ich nach dem gestrigen Angriff auf Berlin schnell schreiben. Wir haben den Alarm um ½ 11 in Wittenberg gehabt, waren bis ½ 12 in einem modernen Riesenbunker dicht an der Elbbrücke. Um 12 wollten wir zurückfahren 13½ kam unser Zug, der aber nur bis Jüterborg ging; dort kein Anschluß mehr. Wir entschlossen uns, die verrückte Strecke über Treuenbrietzen nach Wildpark zu fahren. Auch auf diesen Zug mußten wir 5/4 Stunden warten und kamen dann 18¾ zu Hause an. Der Angriff scheint dem Norden Berlins [li. Rand] Frohnau! gegolten zu haben; jedenfalls waren große Teile aller 3 Eisenbahnstrecken nach dem Norden unterbrochen. Wären wir, statt in Wittenberg, in Freienwalde gewesen, so wären wir gestern überhpt nicht zurückgekommen. Schon diese Tour bei rauhen Wetter, mit Schneeregen, ist mir schlecht bekommen. Ich bin seit 2 Wochen erkältet, sehr schwerer Bronchialkatarrh, mit endlosem Schnupfen. Seit Sonntag fühle ich mich eigentlich krank und schwach. Aber es war mir doch wohltuend, mit den guten verständnisvollen Freunden ca 6 Stunden zusammenzusein. Sie fuhren dann auch nach Stendal zu ihrem Sohn Rudolf
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| ins Lazarett. Er hat ein Verwundung, die wohl den rechten Unterarm lahmlegen wird.
Sonst schreibe ich heute nicht viel. Interessant ist vielleicht, daß der Rechtsrat der Universität beauftragt sein soll, zu verbreiten, daß auf Sauerbruch und mir nicht der Schatten eines Verdachtes haften geblieben sei. Auf der anderen Seite sind wegen des Zwischenfalls am 25.XI. sensationelle Gerüchte im Umlauf, die wohl ebenso planmäßig provoziert werden. Ich habe am 2.XII nun endgiltig mit starkem Erfolg angefangen (200 Leute), allerdings unter sehr unvollkommenen Raum- und Wärmeverhältnissen. Sonntag waren wir bei Imhülsens im ehemaligen Nowaves, am Montag um 8 sind wir nach Wittenberg abgezogen; das alles ist wohl ein bißchen zu viel geworden. Ich habe viel Besuch, bekomme Blumen von verschiedenen Seiten, und sonstige Liebesgaben.
Ich halte es nach wie vor für das Beste, daß Du in H. bleibst; alles andere wird von solchen widerraten, die das Flüchtlingselend erfahren haben. Maria Wais, geb. Holl, die neulich da war, erzählte, daß die Leute sogar schon aus Konstanz fliehen. – Heute mache ich Schluß, weil "mit mir nicht viel los" ist und, grüße <li. Rand> innigst, auch im Namen von Susanne. Dein getreuester
Eduard.

[re. Rand] Heinrich Scholz, 60 Jahre am 17.XII, ist nach Zerstörung des Seinigen in Schlesien gelandet, <Kopf> Biermann-Hamm – in Schleusingen.