Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Dezember 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 17.XII.44.
60. Geburtstag v. Heinrich Scholz.

Nr. 9.
Mein innig Geliebtes!
Der von Dir erwähnte Brief vom 2.XII. ist nicht eingetroffen, der vom 4.XII. dagegen schon am 6.XII. Der über Würzburg vom 8.XII. ist am 14.XII. hier gewesen. Dieser Weg wird sich für die nächste Zeit ohnehin nicht empfehlen, da ich nicht weiß, ob Dr. M. während der Festtage in Würzburg sein wird.
Vorgestern war außer Erich Seeberg und Frau (Sohn gefallen!) Annemarie bei uns. Sie hatte das Wenige, was sie aus Gumbinnen fortschaffen konnte, nach Lahr gebracht. Nun ist es dort auch unsicher, ebenso, wie der Mann und die Tochter Haide (beim Roten Kreuz) gefährdet sind.
Da ich zu Weihnachten garnichts für Dich habe, so habe ich Dir die beiliegende kleine Handarbeit gemacht. Aber meine Kunst reicht nicht aus, sie zu vollenden. Du müßtest ev. das Ganze noch in einen Umschlag heften und die Daten von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten rot bezeichnen. Wenigstens kannst Du nun jeden Tage meine Handschrift
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| sehen, auch wenn es sonst nicht mehr gehen sollte. Das muß man ja leider befürchten.
Die stark besuchte Vorlesung habe ich gestern fürs erste geschlossen. Fortsetzung ist für den 6.I. geplant. Der Aufenthalt in der stark beschädigten und wenig geheizten Universität ist ebenso wenig angenehm wie ein Dito-Seminar. Aber die Hörer sind mit großem Eifer dabei, und ich erhalten immer noch Liebesbeweise, z. B. in Form von Briefchen mit Kollektivunterschriften. Auch sonst ist eine geistige Atmosphäre von Wärme. Nur mit Frl. Dr. Jung ist es nicht so, wie früher. Über manches konnte man ja nie mit ihr reden. Sie ist durch Vielgeschäftigkeit sehr mit den Nerven heruntergekommen. Mit den meisten Menschen gerät sie in Streit, nur mit mir nicht. Aber ihr Temperament entfaltet jetzt die Schattenseiten, die den Vorzügen (höchste Aktivität) zur Seite gehen: es soll alles gezwungen werden.
Heinrich Scholz, dem das Institut und größtenteils auch die Wohnung zerstört ist, feiert seinen Festtag in Hermsdorf am
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| Kynast (Hôtel Tietze.)
Mein Beitrag für seine Festschrift ist am 8.9. vorm. unterbrochen worden, und ich habe sie jetzt nicht wieder aufgenommen. Zu produktiver Arbeit bin ich noch nicht widerstandsfähig genug. Auch verschlingt die Dankkorrespondenz die Zeit, die nicht direkt den 3 Universitätsveranstaltungen gewidmet ist. "Sokrates u. Plato" besonders erfordert viel Kunst der Formgebung.
Die in Aussicht gestellten Hefte habe ich Dir leider nicht mehr senden können. Die Post nimmt nach 17a nur Briefe unter 100g an.
Dies soll nun auch schon mein Weihnachtsbrief für Dich sein. Wir sind in den letzten Jahren immer mehr an magere Feste gewöhnt worden. Diesmal muß man nun wirklich alles aus dem Innern holen. Daran würde es bei uns nicht fehlen, wenn nur die Möglichkeit der brieflichen Verbindung aufrecht erhalten bliebe. Hast Du genug Geld? (Auch immer etwas reichlicher im Hause?)
Wir sehr meine wärmsten Gedanken dich zum 24.XII. suchen werden, bedarf keiner Ausführung. Das Schöne der Vergangenheit lebt gegenwärtig und unzerstörbar in uns.
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| Auch ich werde zu Weihnachten davon zehren; es ist reich genug. Wir wollen aber auch die Hoffnung nicht vergessen und uns dafür mit aller Anstrengung stark erhalten. Dies soll ein gegenseitiges Versprechen sein. Denn ich glaube fest an ein Wiedersehen, wenn auch vielleicht erst nach einer längeren Geduldsprobe.
Am Heiligen Abend werden wir hoffentlich in gewohnter Weise mit Hennings (nur 3) und der von der Industrie mäßig beanspruchten Ida zusammen sein; am 1. Feiertag zu 9 in Potsdam; am 2. Feiertag soll Hedwig Koch kommen. Gern führe ich dann für 1 Tag nach Freienwalde. Aber kommt man zurück?
Neulich nach der Vorlesung besuchte mich Elisabeth Christ (geb. Borries) Du erinnerst Dich: Böhmsche Schule 1909 ff. Das war mir eine große Freude. Sie ist nun auch eine ältere Dame. Die tapfere Frau Biermann schreibt alle 8 Tage aus Elgershausen, - Freundschaft im echtesten Sinne!
Nun Schluß mit innigsten Festwünschen und -grüßen, auch von Susanne.
Dein Dir unwandelbar naher
immer dankbarer
Eduard.

[li. Rand] In diesem Semester schon wieder 3 Dissertationen gelesen. Es ist immer noch "Betrieb."